Döblin im geteilten Berlin - Kleine Schriften aus dem Großstadtleben

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Rezension von Lutz Hagestedt

Döblin im geteilten Berlin

Kleine Schriften aus dem Großstadtleben

Alfred Döblin: Kleine Schriften I und II Walter Verlag, Ölten und Freiburg, 1985 und 1990. 472 und 564 Seiten.

Die Döblin-Edition wächst und gedeiht. In den vergangenen fünf Jahren sind unter anderem die Schriften zu Leben und Werk, die Amazonas-Trilogie und die Schriften zu Ästhetik, Poetik und Literatur erschienen. In den letzten fünf Jahren haben sich aber auch die Editionsprinzipien der Werkausgabe entwickelt und verändert, so daß – insbesondere im Bereich der kleineren kritischen Arbeiten Döblins – einige Kompromisse eingegangen werden mußten. Manches erscheint nun inkonsequent (zum Beispiel das Durchbrechen der ansonsten streng chronologischen Reihenfolge der Beiträge), kann aber auch als Ausdruck von Flexibilität, Augenmaß und Selbstkritik der Herausgeber gelesen werden.

Döblins Schriften I und II enthalten zusammengenommen 206 kleinere essayistische und feuilletonistische Arbeiten aus den Jahren 1902 bis 1924 (zwei weitere Bände mit Beiträgen aus den Jahren 1925 bis 1957 werden folgen), vor allem Buchrezensionen und Theaterkritiken für das Prager Tagblatt, die frühen Studien zu Friedrich Nietzsche, die sich wohltuend von der Nietzsche-Schwärmerei der Jahrhundertwende abheben, eine Auseinandersetzung mit Freuds metapsychologischer Spätschrift „Jenseits des Lustprinzips“, Texte zur Jüdischen Frage, populärmedizinische Artikel, Kunst- und Musikkritiken, Capriccios aus dem Berliner Alltag und vieles mehr.

Döblin, der im Osten der Stadt wohnte und arbeitete, ging im Westen dem Vergnügen nach, er kultivierte die Attitüde des Flaneurs und Promeneurs und entwickelte als Grenzgänger einen Blick für die sozialen Gegensätze zwischen arm und reich. Schon damals schilderte er Berlin als geteilte Stadt, mit einem lebensfrohen, großbürgerlich-eleganten Westteil und einem proletarisch-milieugeschädigten Ostteil. Vom Abtritt zur Philharmonie war es nur ein Schritt. Eindrucksvoll schilderte Döblin das „Siechenhaus für Frauen“ oder seinen Weg durch die faszinierenden und schrecklichen Straßen Berlins, wo er „überall [...] abgefallene Nasen, erfrorene Zehen, abgestorbene Ohrlappen“ herumliegen sah. Er plauderte von der atonalen Musik Strawinskys und seinen „barbarische[n] Tollheiten“, und schon im nächsten Capriccio von seinem Besuch in der Parapsychologischen Gesellschaft. Als Kritiker neigte Alfred Döblin zu harschen, manchmal unfairen, selten enthusiastischen Urteilen. Gelegentlich zeigt er das Lord-Chandos-Syndrom: „Zu keinem Gefühl dringe ich vor [...] Aber ich lüge, ich fasele, ich kann jetzt überhaupt nichts sagen; mir sind alle Begriffe in Fluß geraten, verdunkelt, verschwommen.“

Unter dem Pseudonym „Linke Poot“ entwickelte er einen launigen, unverwechselbaren Stil und brachte klare Vorlieben und Abneigungen zum Ausdruck. Er spöttelte, daß er nur ins Theater gehe, um sich aufzuwärmen, und bekannte selbstironisch: „Es ist ein Unglück, einen Epiker zum Theaterreferenten zu machen.“

In diesen Schriften spiegeln sich die epochalen Stimmungen und Gefühle der Zeitgenossen, darunter Ekel, Überdruß und Langeweile: „Es war größtenteils sehr nett und mäßig fade, aber man kam auf seine Kosten.“

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 124 vom 31. 5. 1990 (Literaturbeilage)
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