Christoph Braune: Stillstand dieser Tage

aus Netzwerk-Literaturkritik, der freien Wissensdatenbank

Beitrag zum 4. Prosawettbewerb des Instituts für Germanistik und des Literaturhauses Rostock


Christoph Braune

STILLSTAND DIESER TAGE


Dezember. Kurz vor Weihnachten. Es ist Zeit, dachte er. Es ist wieder Zeit. Es ist immer Zeit. Es passiert, weil Zeit ist. Dinge passieren weil Zeit ist.
Kein schönes Gefühl einfach nur zu funktionieren.
Ein Blick in die Gesichter der Menschen verriet mehr, als man als Antwort bekäme, hätte man sie dieser Tage direkt nach ihrem Wohlergehen gefragt. Ein Durcheinander aus Hast und schnellen Schritten. Ein Durcheinander aus Unruhe und scheinbar unlösbaren Problemen. Auch die vereinzelt frohen Mienen wirkten daher nicht ehrlich, vielmehr aufgesetzt und gingen in der Masse, der ständig zeitnotgeplagten Menschen unter. Vielleicht war es der Regen, der ihren Schritt beschleunigte. Vielleicht waren es auch die grauen Wolken, die grauen Tage, die kein Ende zu haben schienen. Vielleicht.
Es ist Zeit, dachte er. Es ist wieder Zeit. Es ist immer Zeit.
Sie schauten zu ihm hinauf. Das war schön. Ein erhabenes Gefühl.

„Nein! Komm bitte. Wir schaffen das nicht mehr!“
Noch während die Mutter das letzte „Nein“ aussprach nahm sie die kleine, in einem winzigen blauen Fingerhandschuh steckende Hand ihres Sohnes und zog ihn energisch von der Schlange weg, an der andere Kinder warteten, um dem Weihnachtsmann und dessen Engeln ihren Wunschzettel abzugeben. „Wir haben keine Zeit“, waren die letzten Worte, die er noch vernahm, bevor das tieftraurige Gesicht des kleinen Jungen im trübsalblasenden Regengrau des Nachmittages verschwand und auch nicht mehr von dort oben zu erkennen war.
„Keine Zeit? Der arme Junge!“, flüsterte ein älterer Mann entsetzt, dessen Gesicht auf den ersten Blick ähnlich trist wie alle anderen wirkte. Bei näherem Hinschauen hob es sich jedoch durch die groben freundlichen Lachfalten von den anderen ab und strahlte warmherzig. „Schlechtes Zeitmanagement!“, brummelte er.

Vielleicht war es der Regen, der die Mutter energisch machte. Vielleicht waren es auch die grauen Wolken, die grauen Tage, die kein Ende zu haben schienen. Vielleicht.
Was es auch war. Ein Blick zurück lies ihn erzittern und noch während er am liebsten kurz inne gehalten, kurz stillgestanden hätte, realisierte er. Er hatte keine Wahl.
Es ist Zeit, dachte er. Es ist wieder Zeit. Es ist immer Zeit.

Der Gedanke, schuld an den Tränen des kleinen Jungen zu sein quälte ihn. Wie gern hätte er sich gewünscht Einfluss zu nehmen. Freude zu schaffen. Zufriedenheit zu schaffen. Zeit zu schaffen. Der Mutter das Gefühl zu geben, sie könne es sich erlauben, in ein glückliches Gesicht zu schauen, nachdem ihr kleiner Sprössling den Zettel abgegeben hätte. Schlimm genug, dass das in diesen Tagen nicht selbstverständlich war.
Aber war er denn Schuld? Was hätte er denn tun sollen? Einfach stehen bleiben? Nein, das war nicht möglich. Denn so sehr er es sich auch diesmal wieder wünschte und schon zig Mal gewünscht hatte. Es ging nicht.
Die Lichter der Buden, die langsam in voller Pracht leuchteten und der Fassade der Stadt ein bronzefarbenes Kleid überstreiften, trugen ihren Teil zur vorweihnachtlichen Stimmung bei, und hätten es den Menschen einfach gemacht sich ihres Glückes bewusst zu werden. Nur sehen müssten sie sie, dachte er. Sie sehen sie nicht. Den Kopf voller Gedanken, Termine und möglichen Szenarien von morgen. Die stets präsenten Fragezeichen. Wann, wo, wie? Die konnte man sehen. Als hätte es einen Stempel gegeben, den alle am Morgen dieser Tage gratis vom Schaffner in der U-Bahn auf die Stirn gedrückt bekommen hätten. Die Gunst der Stunde nutzen! Zeit ist Geld! Keine Zeit verlieren! Derlei Phrasen waren an der Tagesordnung und stets in aller Munde. Wenn Sie nur wüssten, dachte er. Ein erneuter Blick hinter sich, verriet ihm:
Es ist Zeit. Es ist wieder Zeit. Es ist immer Zeit.
Vielleicht war es der Regen, der ihnen die Sicht nahm. Vielleicht waren es auch die grauen Wolken, die grauen Tage, die kein Ende zu haben schienen. Vielleicht.
Eines war sicher. Der Regen und der langsam aufziehende dichte Nebel waren Grund und Anlass für Desinteresse an ihm. Ihn störte das.
Weniger schauten hinauf. Das war weniger schön. Ein weniger erhabenes Gefühl.

Während er so seinen Blick schweifen lies, bemerkte er einen sturztrunkenen Mann, Mitte 60, der auf ihn zugewankt kam. Neben seinen aschgrauen Haaren, die in dicken, fettig verklebten Strähnen bis zu den Schultern hingen, trug er zerschlissene Jeans, eine ebenso zerschlissene Jacke und hielt in der linken Hand eine Pfeife, die er versuchte sich in den Mundwinkel zu schieben. Sein Alkoholpegel stand ihm bei diesem Vorhaben offensichtlich im Weg.
„Früher!“ brabbelte er ihn lallend an. „Früher war alles besser! Früher bin ich zur See gefahren! In jedem Hafen Schnaps, Frauen und die Menschen wussten noch was sie haben, wenn sie ihre Uhren wegwerfen...und…!“- ein kurzes Aufstoßen unterbrach seine Ausführungen und führte, mangels Erinnerungsfähigkeit bezüglich des eben Gesagten auch direkt zum Fazit seiner Rede. „Das waren noch Zeiten. Heute ist alles anders. Alle keine Zeit mehr!“ stammelte er und torkelte in Richtung Getümmel, um dort auch andere von seiner Einstellung gegenüber dem Leben zu überzeugen.
Vielleicht war es der Regen, der ihn Lallen, der ihn Trinken lies. Vielleicht waren es auch die grauen Wolken, die grauen Tage, die kein Ende zu haben schienen. Vielleicht.
Er erinnerte sich erneut an seinen Gedanken, Einfluss zu nehmen. So wie er es auch bei dem Jungen hätte tun wollen. Nur war es nicht möglich. Es ist Zeit, dachte er. Es ist wieder Zeit. Es ist immer Zeit.

Manchmal machte ihn seine Arbeit traurig. Das war nicht immer so. Seit einiger Zeit, seit einigen Tagen aber zunehmend mehr. Häufig empfand er sie als eine Art Sisyphus-Projekt. Er hasste die Eintönigkeit, seinen Rhythmus und vor allem das, was einige Menschen daraus machten. Seine Schuld war das nicht, -auch wenn ihm das nicht immer bewusst war. Aber dennoch fühlte er sich manchmal wie ein Familienvater, der ständig und immer wieder zusehen muss, wie seine Kinder Fehler machen, vor denen er sie vergebens immer und immer wieder gewarnt hat.

Die Feuchtigkeit nagte an ihm. Seine Gelenke schmerzten & manchmal hatte er Schwierigkeiten seine Arbeit zuverlässig auszuführen. Da ihn aber sein langsamer Mitstreiter, den das gleiche Leid plagte, ständig motivierte und zum Durchhalten ermunterte, fasste er stets neuen Mut. Dennoch: Es war kein schönes Gefühl einfach nur zu funktionieren.

Langsam wurde es Abend. Dunkel war es, winterüblich, schon Lange. Und die gefühlte Zeit war demnach auch wie immer weiter fortgeschritten als die tatsächliche. Im Fernsehen hatte soeben die Tagesschau begonnen, um den Menschen von dem zu berichten was er im Verlauf des Tages in den unterschiedlichsten Versionen gehört hatte.
Die Massen vor den Buden nahmen nun deutlich ab. Der Weg nach Haus war es, der sie gehen, der sie hetzen lies. Sie hatten ja keine Zeit.
Hier und da wurde eine Lichterkette ausgeschaltet, eine Reklametafel hereingeholt oder eine Ladentür verschlossen.
Die Zeit dieser Tage, das konnte er heute wieder einmal feststellen, ist nicht Menschenfreundlich. Aber daran sind sie selbst schuld.
Unter ihm, an der Mauer hatte sich währenddessen ein Pärchen eingefunden. Sie stritten und diskutierten. Es war nicht viel zu verstehen, dafür waren sie trotz ihres offensichtlich hitzigen Disputes zu sehr auf Diskretion bedacht. Während sie mit den Tränen kämpfte und er seine Hände wild gestikulierend durch die Luft schleuderte, um seinen Worten vergeblich mehr Kraft zu verleihen, konnte man dennoch deutlich einige Brocken ihres Wortgefechtes verstehen. “Ich wollte einen besinnlichen Abend, nur für Dich, nur für mich, aber du findest nie Zeit für uns.“
Sie nahm alle Kraft zusammen, um schlussendlich mit gesenktem Kopf zu schluchzen. „Unsere Zeit ist vorbei!“ Daraufhin lief sie entlang der Straße an den Geschäften vorüber in die feuchtschwarze Dunkelheit.
Es ist Zeit, dachte er. Es ist wieder Zeit. Es ist immer Zeit.
Was war das? Ihn plagte erneut das schlechte Gefühl, dass er auch schon bei dem Jungen und dem alten betrunkenen Mann gehabt hatte.
Vielleicht war es der Regen, der sie Streiten lies. Vielleicht waren es auch die grauen Wolken, die grauen Tage, die kein Ende zu haben schienen. Vielleicht.

Der Regen hatte aufgehört. Er war vom Wind abgelöst worden, der auf seine aufdringliche Weise wenig vorweihnachtlich einerseits nasse Blätter vor sich her schob, aber andererseits den Nebel verbannte. Die Straßen und Wege waren dennoch nass und jede kleinste Vertiefung im Boden war zu einer Pfütze geworden. Seine Schmerzen in den Gelenken besserten sich und um das mangelnde Interesse an ihm wäre es auch besser bestellt gewesen, wenn noch jemand dort gewesen wäre, der hätte hinaufschauen können. So war es weniger schön. Ein weniger erhabenes Gefühl.

Fast war die Mitte der Nacht erreicht, als sich ein Mann mit Mobiltelefon am Ohr auf die Bank vor der Mauer an der das Pärchen gestanden hatte, nieder ließ, und ein Telefonat begann. Er wirkte kühl, arrogant, gleichermaßen aber auch traurig und verzweifelt.
Es war schwer Wortfetzen zu erhaschen und so sehr er sich auch bemühte, er konnte einfach nicht verstehen, was der Mann in sein Mobiltelefon sprach. Lediglich seine Mimik verriet, dass das Gespräch offensichtlich sehr emotional und nicht leicht zu verkraften war. Ein glasiger Schleier in seinen Augen beendete die Konversation. Er zitterte und sein rechter Daumen irrte zunächst verloren über der Tastatur des Telefons, um dann langsam den roten Knopf zu drücken.
Beim Öffnen der Aktentasche, die er sich auf den Schoß gelegt hatte, bemerkte er, dass es schon kurz vor Mitternacht war. „Verdammt“, murmelte er weinerlich. „Ich habe doch keine Zeit. Ich muss …“ In diesem Moment grölten betrunkene Jugendliche, die die benachbarte Bank in Beschlag genommen hatten, so dass sich die hörbare Äußerung des Mannes auf ein „bis Mitternacht verkaufen“ reduzierte.
Als er die Tasche öffnete wurde klar, was damit gemeint war. Auf einer bewusst schlicht gehaltenen, aber hochwertigen Visitenkarte stand deutlich „Broker“. Es musste sich also um Aktien handeln. Gerade wollte er zum Telefon greifen, da fiel ihm der Brief wieder ein, den er vergessen hatte.
Nach kurzem hektischen Suchen in der Tasche wurde er fündig und begann zu lesen:
„Ich bedaure sehr, was hier steht. Und ich hätte nie gedacht, dass ich dazu fähig bin. Nur habe ich alles versucht. Und du hast mich nie verstanden. Du bist immer weg. Hast nie Zeit. Weder für mich noch für die Kinder. Geld haben wir genug. Du versprichst immer weniger zu tun. Und du versprichst auch dir Zeit zu nehmen. Aber du tust es nie. Und du wirst es auch nie tun. Ich bin es Leid ein Opfer deiner Distanziertheit, deines Zeitplanes zu sein, und wenn du da bist, jemanden bei mir zu haben, dessen Status einen größeren Stellenwert hat, als seine Rolle als Familienmitglied. Die Kinder können nicht ohne dich. Du bist ihr Vater. Mir hast du es leicht gemacht. Ich kann es jetzt. Es ist kein schönes Gefühl einfach nur zu funktionieren!“

Da war es wieder. Das schlechte Gewissen. Wieder wollte er Einfluss nehmen. Wieder wollte er inne halten, stehen bleiben. Wieder ging es nicht. Die Zeit dieser Tage, das konnte er aber erneut feststellen, ist nicht Menschenfreundlich. Aber daran sind sie selbst schuld.


Vielleicht war es der Regen, der das alles machte. Vielleicht waren es auch die grauen Wolken, die grauen Tage, die kein Ende zu haben schienen. Vielleicht.
Es ist Zeit, dachte er. Es ist wieder Zeit. Es ist immer Zeit.
Und so tickte er hoch oben zusammen mit dem langsamen Anderen den Glockenschlägen der 12 entgegen.

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