Cherchez la femme - Ingomar von Kieseritzkys hochkomischer "Frauenplan"

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Rezension von Lutz Hagestedt


Cherchez la femme

Ingomar von Kieseritzkys hochkomischer „Frauenplan"


INGOMAR VON KIESERITZKY: Der Frauenplan. Etuden für Männer. Roman. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1991. 328 Seiten, 38 Mark.

Maurice Goff ist ein typischer Kieseritzky-Held. Er möchte ein möglichst unangestrengtes, streßloses, zugleich freud- und genußvolles Leben führen. Sein Dasein auf Erden soll aus schönen Momenten, glücklichen Augenblicken, heiteren Episoden, gelungenen Intermezzi, angenehmen Affären bestehen. Dabei kommt ihm zugute, daß er „alles, was mit dem Dienst an und mit Frauen zu tun hat, nicht als Streß" betrachtet, ist hier doch „jeder vergossene Tropfen Lohn in sich". Goff möchte tunlichst umgehen, was nicht ins hedonistische Programm paßt; seine Stichworte lauten „Streßvermeidung" oder auch „Komplexitätsreduktion": Gefühle sind Ballast, Eifersucht ist blöd, denn der Mensch ist nicht zum Leiden geboren, und außerdem gibt's Millionen anderer Frauen. „Was willst du werden, Goff", wird er im zarten Alter gefragt. Antwort: „Nichts bestimmtes, ... umgeben von liebenswürdigen und schönen Frauen."

Frauen sind Goffs Berufung, da bleibt kein Raum für eine - womöglich anstrengende - berufliche Tätigkeit nebenher. Goff wird Totengräber und Friedhofsgärtner, später Callboy in einer Partnervermittlung und Taxidermist. Er beginnt Frauen zu sammeln und ihre Vorlieben und Schwächen zu studieren. Er ist - ähnlich wie Woody Aliens Filmfigur Zelig - als Charakter ein Schwamm; dient er sich seinen Auserwählten an, so ist er „neutral" bis zur „Unsichtbarkeit". Seit einer Mumpsinfektion unfruchtbar, kann er seiner Neigung unbeschwert nachgehen und „streßlosen, verantwortungslosen Sex" betreiben. Eine Frau allein genügt ihm natürlich nicht (monogam leben bedeute Streß); sein Frauenplan sieht viele Frauen für viele Funktionen vor.

Maurice Goff wäre kein typischer Kieseritzky-Held, wenn in seinem Leben immer alles glatt ginge und nach Wunsch verliefe. Zwischen 1965 und 1988 muß er zwölfmal die Flucht ergreifen - Rückzugsmanöver nennt er das elegant. Anlaß einer solchen Flucht ist zum Beispiel „Opal", bürgerlich Jutta Wiczinsky, Goffs weibliches Äquivalent. Opal hat eine eigene Theorie, was Männer anbelangt: „Männer", sagt sie, „sind ziemlich blöd und können als Einzelwesen nicht alles für eine anspruchsvolle Frau tun; also muß man sie aufteilen in Funktionen und ihre Funktionswerte, je nach dem Stand ihrer Bildung und ihres Vermögens." Klar, daß Goff vor dieser Frau, die ihm ebenbürtig ist, die Flucht ergreift. Gleiches Recht für beide Geschlechter - dieser Grundsatz scheint sich bei ihm noch nicht durchgesetzt zu haben, und so verzieht er sich mit einem leichten Ziehen im Scrotum. Bleibt zu hoffen, daß Kieseritzky auch einmal die weibliche Sicht der Dinge darstellen wird.

Ein Desaster ist Goffs Tätigkeit als Verlagslektor und Autorenkontaktagent. Denn er muß die säumigen oder „ausgeschriebenen" Autoren der Edition Avicenna aufsuchen und sie zu erneuter Produktivität ermuntern oder eben abservieren. Das bedeutet Streß. Auf seinem letzten großen Fluchtmanöver wird es ihm zum Verhängnis, daß fast alle Autoren, die er betreut, schöne und vernachlässigte Frauen haben, die für ein wenig Abwechslung gern zu haben sind.

Goff ist ein Genußmensch, ein Lebenskünstler, Jäger und Sammler in einem, „immer auf der Suche nach der Frau, die alle anderen" enthält. Er ist den übrigen Romanfiguren intellektuell überlegen, doch stellt er seine Überlegenheit nicht unangenehm heraus, wie zuweilen die kauzigen Erzählerfiguren Arno Schmidts. Goff bildet sich nichts darauf ein, daß er aus einem guten Stall kommt und hält sich nicht für eine singuläre Erscheinung. Einer seiner Altvordern, Aristide Goff, war schon ein begnadeter Lebenskünstler, der Umgang mit Flaubert pflegte und ihn auf seinen Reisen begleitete. Ein anderer Vorfahr, Claude Goff, auch er ein geschickter Frauenjäger mit Vorliebe für die enthaarte weibliche Scham (Kieseritzky drückt sich eleganter aus), vertrat die Theorie des günstigen Augenblicks. Goffs begnadeter Vater schließlich publizierte 1927 sein Lebenswerk „Die Anmut des Frauenleibes" und hatte sich zuvor - zwölf Jahre lang - in Hunderte von Studiensubjekte „vertieft".

„Ein eleganter Stil", heißt es an einer Stelle, „ist das Alpha und Omega des Lebens." Als Stilist ist Kieseritzky - mit Verlaub - das Ergebnis einer Durchschnittsmengenbildung von Ernst Jünger und Michael Krüger. Mit Jünger teilt er die Vorliebe für die kleine Form: „Der Frauenplan" ist in 54 Kapitel unterteilt, die wiederum in zahlreiche Miniaturkapitel (Etuden) zerfallen. Zahlreiche Digressionen und Exkursionen ins Paradigma „positiver Augenblicke" unterfüttern die eher dünne Romanhandlung, die sich vielfach auf „Nebenschauplätzen" abspielt. Da ist zum Beispiel Coburn, Goffs Zimmergenosse, der sich - immer sonntags - umbringen will und es nie schafft. Da ist Lambert, der Buchhändler, ein schönes Beispiel harmonischer Lebensplanung, der an seiner unerwiderten Liebe zu Goethe laboriert und dessen Frauen alle Namen von Goethes Freundinnen tragen. Und da ist Reverend Jordan, der eine „Stoßgebetsenzyklopädie" erstellen möchte, aber keinen vernünftigen Satz zuwege bringt.

Mit Jünger teilt Kieseritzky auch den ästhetischen Immoralismus und ferner die Sammelleidenschaft - nebst der Vorliebe fürs Katalogisieren, Klassifizieren, Rubrizieren und Systematisieren des Ausgängsmaterials. Mit Michael Krüger verbindet ihn vor allem der Sinn für Situationskomik, für slapstickartige Sequenzen, groteske Fehlschläge, verkorkste Gestalten und scheiternde Existenzen. In einem Essay von 1985 hat Heinrich Vormweg eine Linie von Kieseritzky zu Stanislaw Lem gezogen - auch dies ein einleuchtender Vergleich. Beide Autoren beschäftigen sich mit der Kybernetik, der Spieltheorie, der Sozialisationsforschung und Linguistik, und beiden ist gemeinsam, daß sie sich das kulturelle Wissen, auf das sich ihre Romane beziehen, zu einem großen Teil selber „erschrieben" haben. Lem, weil es über seine Science-fiction-Welten keine Enzyklopädien geben kann, und Kieseritzky, weil er keine gelehrte und staubtrockene Katastrophentheorie brauchen kann, deren Auswertung vermutlich aufwendig und unergiebig wäre, weshalb er sich seine Desasterkunde gleich selbst schreibt und zitierend auf sie Bezug nimmt, so als ob sie wirklich existierte. Viele seiner Quellen und Figuren - nicht alle - sind erfunden, vermutlich auch viele der Lifestyle-Sujets, die uns der Text laufend präsentiert.

Mit unerhörter Leichtigkeit und Eleganz wird hier erzählt, viele Kabinettstückchen, zum Beispiel die Darstellung der anthropomorphen Polaroid-Kamera „Donata", sind schlichtweg genial. Kleinere Unstimmigkeiten stören da kaum, etwa wenn Goff einen Packen Verhütungsmittel mit an Bord eines „Traumschiffs" nimmt; man fragt sich, wozu, Goff ist doch unfruchtbar, und mit Vaginalzäpfchen, Diaphragmen et cetera läßt sich auch keine Aids-Prophylaxe betreiben. Kurz, Ingomar von Kieseritzky ist auf der Höhe seiner Erzählkunst, mit diesem Roman wiederholt er in origineller Weise seine früheren. „Das Buch der Desaster" (1988), „Anatomie für Künstler" (1989) und „Der Frauenplan" sind in rascher Folge erschienen. Hoffen wir, daß es in rascher Folge so weitergeht.



© LUTZ HAGESTEDT

erschienen in: Süddeutsche Zeitung, Dienstag, 8. Oktober 1991
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