Call for papers. Hans Fallada und das Literatursystem der Moderne

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Hans Fallada und das Literatursystem der Moderne

Einladung zur Hans-Fallada-Konferenz am 23. und 24. Juli 2009 in Carwitz

»Dieser Autor hat keine Ästhetik gestiftet, er hat keine weltanschaulichen Varianten begründet; es gibt nicht einen Aufsatz von ihm, über den heute noch nachzudenken wäre. Der essayistische Aspekt fehlt in seinem Werk überhaupt fast ganz. Noch nicht einmal über den Einfluß von Autoren, die ihm Vorbild waren, gibt es Auskünfte oder gar theoretische Erörterungen.«

Wilhelm Genazinos harsches Resumee aus dem Jahre 1977 wäre zu diskutieren, aber es fällt schon auf, dass Hans Fallada (1893–1947), wie viele andere Poetae minores auch, bislang kaum Forschung ausgelöst hat, die der Bedeutung seines Œuvres gerecht würde. Sieht man von biographisch orientierten Studien ab, ist das Feld der Fallada-Philologie weitgehend unbestellt geblieben, vor allem aber fehlt es an Untersuchungen, die den Autor in den Kontext der literarischen Moderne stellen: Die Fallada-Rezeption hat sich seit dem Tod des Autors 1947 überwiegend mit der (legitimen) Frage des »autobiographischen Anteils« am Werk beschäftigt und daraus ihre (bisweilen kaum legitimierbaren) Folgerungen gezogen. Es erscheint daher an der Zeit, der Forschung weitere Aspekte zu erschließen und Autor und Werk im denkgeschichtlichen und literarhistorischen Kontext zu betrachten.

Dieser Kontext ist durch bestimmte Prämissen der Frühen bzw. Klassischen Moderne (ca. 1890–1950) gegeben, an deren erzählender Literatur Fallada seinen nicht unbeträchtlichen Anteil hat. Sein Frühwerk (»Der junge Goedeschal«, 1920; »Anton und Gerda«, 1923) kann dem Expressionismus zugeordnet werden, mit »Bauern, Bonzen und Bomben« (1931) sowie »Kleiner Mann – was nun?« (1932) etwa wird die Strömung der Neuen Sachlichkeit bedient, ein Großteil des weiteren Werkes entsteht überwiegend unter den Bedingungen des ›Dritten Reiches‹, darunter »Wolf unter Wölfen« (1937), »Wir hatten mal ein Kind« (1934) »Der Trinker« (1944). und und die unter ›Erinnerungen‹ firmierenden Bände »Damals bei uns daheim« (1942) und »Heute bei uns zu Haus« (1943).

Bei dem von Joseph Goebbels bewunderten Autor konnten die staatlich gelenkte »Literaturpolitik« (J.-P. Barbian) und die privat verfolgte »Werkpolitik« (S. Martus) offenbar zur Übereinstimmung gebracht werden, obwohl in der Parteipresse ebenso wie in den Medien des Amtes Rosenberg (allen voran die »Bücherkunde«) grundlegende literaturpolitische Invektiven gegen Fallada exekutiert wurden. Obwohl Fallada zu den Nationalsozialisten auf Distanz ging und sich – ähnlich wie Ernst Jünger – ein Jahr nach Hitlers Machtantritt in die Provinz zurückzog, konnte er weitgehend ungehindert publizieren. Doch bei weitem nicht alles, was dieser überaus produktive Autor schuf, ist im ›Dritten Reich‹ auch erscheinen.

Im Spannungsfeld von innerer Emigration, Mitläufertum und stiller Opposition markiert sein (teilweise erst posthum publiziertes) Werk einen höchst interessanten und wohl auch riskanten Grenzgang, der durch Bücher wie »Wer einmal aus dem Blechnapf frißt« (1934), »Altes Herz geht auf die Reise« (1936) und »Der eiserne Gustav« (1938) benannt werden kann. Dass Fallada nach Kriegsende auf die entschiedene Fürsprache Johannes R. Bechers bauen durfte, wirft ein weiteres Schlaglicht auf diese schillernde Autorschaft im Zeitalter ideologischer Verwerfungen.

Mit dem Symposium zu Fallada gerät nicht zufällig ein Vertreter der Poetae minores in den Blick, die – etwa im Unterschied zu Thomas Mann – nicht die Bürde symbolischer Repräsentanz zu tragen hatten, sondern in einem »geistigen und literarischen Zwischenreich« ihr Werk stiften konnten. Im Gegensatz zu vielen anderen populären Autoren seiner Zeit jedoch ist es Fallada gelungen, immer wieder ein Publikum zu gewinnen: In der Bundesrepublik ebenso wie in der DDR ist sein Werk nie vom Buchmarkt verschwunden, sondern stetig durch Briefbände und Nachlasseditionen arrondiert und mitunter höchst prominent (Band 1 von Rowohlts Rotations-Romanen) verlegt worden.

Die Veranstalter glauben deshalb, mit Fallada einen Autor von epochaler Relevanz ausgesucht zu haben, über dessen Werk sich die Mechanismen des Denk- und Literatursystems der Frühen bzw. Klassischen Moderne begreifen lassen. Sie hoffen, ältere und jüngere Forscherpersönlichkeiten miteinander ins Gespräch zu bringen, die im einzelnen vielleicht noch nicht spezifisch zu Fallada gearbeitet haben mögen, aber (wie beispielsweise Martin Lindner, Innsbruck) die historische Semantik der Epoche und ihrer Invarianten modellhaft aufgewiesen und an repräsentativen Beispielen belegt haben.

Ziel der Tagung soll es daher sein, auch scheinbar ›autornahe‹ Texte wie Falladas Gefängnistagebuch nicht als autobiographische Dokumente zu lesen, sondern als Ausdruck der Lebensideologie, wie sie für die Literatur der Frühen Moderne typisch war. Das Symposium setzt sich damit dezidiert von der gängigen Analysepraxis ab, die von der Forschung bislang favorisiert wird und Falladas Œuvre als Erhellung oder Verschlüsselung seines Lebens deutet. Der Begriff des »Lebens« freilich hat auch für die geplante Tagung einen hohen Stellenwert, wenngleich in anderer Bedeutung. Es geht ihr um das umfassendere Lebenskonzept des Denk- und Literatursystems, die ›das Leben‹ als zentralen Wert konzipieren und an ihm auch das Krisenbewusstsein der Epoche festmachen. Die Initiatoren hoffen, vermittels dieser Systematik auch einigen Missverständnissen beikommen zu können, die die Forschung zum Autor seit langem in die Sackgasse geführt haben. So ist denkbar aufzugreifen, was Karl Prümm bereits 1974 mit Blick auf die Neue Sachlichkeit konstatierte, dass nämlich unter den Vertretern dieser Literaturströmung ein geringes Problembewusstsein hinsichtlich der literarischen Reproduktion von Wirklichkeit und des Wahrheitsanspruchs von Literatur bestünde: »Der Glaube«, so Prümm, »daß die literarisch reproduzierte Wirklichkeit mit der Realität selbst identisch ist, ist stark ausgeprägt; die Frage, ob die Fiktion nicht eine eigengesetzliche Realität konstituiert, wird von der Neuen Sachlichkeit nicht gestellt.«

Von der Literaturwissenschaft hingegen muss und wird sie gestellt werden. Dabei hat sich die methodische Prämisse bewährt, Literatur als sekundäres (modellbildendes) System zu begreifen, dessen Merkmale sich exemplarisch rekonstruieren und auf die jeweiligen Erzählstrukturen der Epoche beziehen lassen. Bereits 1967 hat Wolfdietrich Rasch für die Literatur zwischen 1890 und 1930 zentrale Epochenmerkmale bestimmt, darunter einen neu definierten Lebensbegriff. Seither haben sich Forscherpersönlichkeiten wie Marianne Wünsch, Martin Lindner oder Wolfgang Lukas die Moderne weiter erschlossen, und es wäre nun an uns, sie spezifisch auf Falladas Werk zu beziehen und mit der epochentypischen Lebensideologie (etwa nach Lindner) zu verknüpfen. Die extremen Zustände seiner Protagonisten zwischen emphatischem und reduziertem Leben, der wiederholte »Lebenswechsel« innerhalb des biologischen Lebens und die damit korrelierte Narration sind mit dieser epochentypischen Struktur erklärbar und bedürfen des Rekurses auf die Autorbiographie nicht mehr: wenngleich hier einer nach dem Lebensmodell der Moderne gelebt zu haben scheint – als sei es Literatur.

Geeignete Vortragsangebote und Exposés sind bis zum 15.9.2008 zu richten an:

Prof. Dr. phil. habil. Lutz Hagestedt
Universität Rostock
IFG - Institut für Germanistik
August-Bebel-Str. 28
18051 Rostock
Tel: (0381) 498-2569
eMail: lutz.hagestedt@uni-rostock.de

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