Bis zur Schmerzgrenze originell - Dichtungen und Nachdichtungen von Uwe Dick
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Rezension von Lutz Hagestedt
Bis zur Schmerzgrenze originell
Dichtungen und Nachdichtungen von Uwe Dick
UWE DICK: Das niemals vertagte Leben. 13 Widmungen. Knesebeck und Schuler, München 1991. 95 Seiten, 28 Mark.
Uwe Dick, Anwalt der Schöpfung, ist ein begnadeter Lyriker. Denkt man etwa an das „Echo des Fundamentschritts“ (Dichtungen. München 1981), so kann man leicht ins Schwärmen geraten. Der neue Band, „Das niemals vertagte Leben“, versammelt Texte aus zwanzig Jahren und enthält genug, um sich Uwe Dicks auf der Höhe seines Könnens zu vergewissern. Die lakonischen, fast haikuhaften kurzen Satzperioden sind grandios wie eh und je, man findet sie in der „Herzynischen Sekunde“ (1975), im „Kleegeigenlandler“ (1975) und in „Drei Freunde tot“ (1977) sowie im Gedicht „Landschaft“ (1969), das mit den Worten endet:
Christus
der Fisch
treibt – mit dem Bauch nach oben –
schon eine Ewigkeit.
Uwe Dick ist ein mutiger und selbstbewußter und manchmal wohl auch selbstgerechter Mann. Sein neuester Band enthält auch einiges, was mir nicht so recht gefallen mag, zum Beispiel der „Canto für Ezra Pound“ (1985), in dem der Autor die eigene Bedeutungslosigkeit für die Zeitgenossen larmoyant bedauert und die Konkurrenz pauschal abqualifiziert. Ein Wagnis war es auch, ein übersetztes Gedicht, an Stelle des Originals, als Basis für eine Nachdichtung zu verwenden.
Karl Kraus, der große Agent provocateur und langjährige Pate Uwe Dicks, hat dies einmal getan. Auf der Basis der „Umdichtungen“ von Stefan George, angeblich ohne Kenntnis der Originale, „übersetzte“ er Shakespeares Sonette vom Deutschen ins Deutsche. Eine seiner Absichten war es, Stefan Georges „falschen“ Sprachgebrauch vorzuführen und richtigzustellen. Zum Übersetzen, so Kraus, brauche er die Kenntnis des Deutschen – „das Englische gibt mir George“.
Uwe Dicks kunstvolle Nachdichtung nun basiert offenbar, obgleich sich der Dichter einige Kenntnis des Russischen angeeignet haben soll, auf einer deutschen Wort-für-Wort-Übersetzung, die sich nicht als Kunst versteht. Im vorliegenden Band sind beide Fassungen, Barbara Steins philologische Übertragung des Gedichts „Steinkette“ von Bella Achmadulina, und Uwe Dicks wortverliebte Nachdichtung nebeneinander abgedruckt. Betrachten wir also die erste Strophe, zunächst Stein, dann Dick:
Wie ich die Reihenfolge meiner Steine liebe,
meiner, meiner! Und die Steine wissen das.
Und die Reihenfolge leerer heller Tage,
von denen jeder nur mit meiner Meeresbucht erfüllt ist.
Wie ich die Kette meiner Steine liebe,
meiner, meiner! – und die Steine wissen das,
eingedenk der lichten Tage, Bogenstirn und
Flutgeschmeide, himmeltief im Uferschwang.
In Dicks Fassung verblaßt die Funktionalität der Wörter, läuft die andernorts angenehm befremdliche Wörterwahl Gefahr, als leere Akrobatik empfunden zu werden. Der Gedanke stirbt im Ornament.
Fast haute es mich um. Siedende See, wisch, ins
Gesicht. Salzbiß und Schreck zu Gischt und
Sturm verzischt. Nur ich im Sintflutwüten.
Das Meer schleift Einzelheiten, spült sie fort.
Auch in dieser fünften Strophe ist Dick mit allzu großer Expressivität übers Ziel hinausgeschossen, und es hat bestimmt seinen Grund, wenn Augenmaß und Selbstkritik einen wahren Poeten im Stich gelassen haben. Allein durch den Paralleldruck zweier Fassungen gerät ein Autor schnell in Zugzwang, bis zur Schmerzgrenze originell sein zu müssen, selbst wenn der Ausgangstext gar keinen Kunstanspruch erhebt. Über andere Gründe zu spekulieren, ist hier nicht der Ort, aber der Text verdiente es, mit philologischer Akribie und Sensibilität Wort für Wort und Zeile für Zeile nachgelesen zu werden.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 68, Donnerstag, 21. März 1991
