Aus dem Bauch argumentiert. Colette Dowling: Perfekte Frauen

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Rezension von Lutz Hagestedt

Aus dem Bauch argumentiert

Colette Dowling: „Perfekte Frauen“ – Flucht in die Selbstdarstellung


Colette Dowling: „Perfekte Frauen“. Die Flucht in die Selbstdarstellung. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 1989. 270 Seiten.

Eine elementare Struktur der Gesellschaft, die Mutter-Tochter-Relation, ist schuld daran, daß Frauen allzuoft makellos und vollkommen sein wollen, daß sie ihr Berufs- und Familienleben „perfektionistisch“ organisieren, daß sie ein „obsessives Interesse“ für ihr Aussehen und ihr Körpergewicht und schließlich allerlei Psychosen entwickeln.

So jedenfalls sieht es Colette Dowling, die bekannte Verfasserin des „Cinderella-Komplexes“ (deutsch 1981). Colette Dowlings Verhältnis zu ihrer Tochter Gabrielle steht in diesem Buch für zahlreiche vergleichbare Beziehungen, in denen hochgesteckte Erwartungen und vorbildliche Leistungen der Mutter die Entwicklung der Tochter so sehr dominieren, daß die Tochter Selbstzweifel und handfeste Psychosen entwickelt. Die Mutter, so lautet der Befund, spiele für die Entwicklung und Störung des Selbstwertgefühls der Tochter eine weitaus größere Rolle als die Gesellschaft.

Colette Dowling versucht, ihr monokausales Erklärungsmodell als Erblasttheorie gleichsam von Eva her abzuleiten, indem sie sich auf Erkenntnisse „der“ Psychologie beruft. Mit Trivialformeln wie „die Wissenschaft hat festgestellt“ gibt sie ihrer simplen Argumentation den Anschein von Empirie, Exaktheit und Nachprüfbarkeit. Die Psychologie besteht bekanntlich aus den verschiedensten Schulen und Strömungen, die oft wenig miteinander zu tun haben. Es ist Unsinn, sich auf „die“ Psychologie zu berufen.

Colette Dowling kann sich nicht entscheiden, ob sie vom Kopf oder vom Bauch her argumentieren will. Immer leitet sie von ihrem eigenen Leben und von dem ihrer Tochter Thesen ab, die sie sich dann von essayistischen Traktaten und (pseudo-)wissenschaftlicher Literatur bestätigen läßt. Das methodische Verfahren, von sich auf andere zu schließen, kann natürlich alles – und das heißt nichts – beweisen. Die kompilatorische Vorgehensweise der Autorin, all das aus der Literatur zu selektieren, was die eigene Argumentation stützen kann, führt aus dem Bereich der Spekulation nicht hinaus. Ihr mangelndes Abstraktionsvermögen führt zu großer Redundanz. Colette Dowlings Buch argumentiert pauschal, trivial und eindimensional. Man liest es ohne Gewinn.

© LUTZ HAGESTEDT

erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom Freitag, 16. Juni 1989, Nr. 137. Seite 31.
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