Anschwärzen wäre unsauber. Martin Schweizer experimentiert auf Gemeinplätzen

aus Netzwerk-Literaturkritik, der freien Wissensdatenbank

Rezension von Lutz Hagestedt


Anschwärzen wäre unsauber

Martin Schweizer experimentiert auf Gemeinplätzen

MARTIN SCHWEIZER: Das Schwarze ist in der Mitte. Prosa. Oktop Verlag CH-8200 Schaffhausen, Eichenstraße 33. 24 Seiten. ISBN ?

Von allen Redensarten trifft die Phrase am besten ins Schwarze. Das Schwarze in der Mitte ist gemeint, nicht das unter den Fingernägeln. Martin Schweizer, 1942 geboren und Nachwuchsautor im Bielefelder Colloquium Neue Poesie, ist der Vielphras schlechthin. Er hat der Sprache aufs Maul geschaut und schreibt ihr nun nach dem Munde. Das vorliegende Bändchen besteht ausschließlich aus nichtssagenden, abgegriffenen Redewendungen, die als „Verständigungsmittel“ eigentlich untauglich sind. Sie enthalten keine Information mehr, keine Perspektive, kein Ziel, keine Pointe, keinen Inhalt im herkömmlichen Sinne. Sie haben nur einen Gegenstand, sich selber. Indem Martin Schweizer die Phrasen wortkarg und einsilbig aneinanderreiht, enthüllt er leichtfüßig das plattsohlige Gedankengut. Hier wird also munter drauflosgedroschen, werden „große Worte“ als leeres Geschwätz demaskiert:

„Es hätte besser sein können. Aber man muß ja nicht immer. Die Fragen sind gestellt, so oder so.“ Man gewinnt den Eindruck, als ob hier Gesprächsfetzen niedergelegt seien, unterbrochen von informellen Leerstellen.

Aber Martin Schweizers Auswahl von Redewendungen ist keineswegs ziel- oder gar bedeutungslos. Sie arbeitet viel mit Metaphern und versucht – um das Sprachspiel mal auf den Begriff zu bringen –, weitgehend mit „lexikalischen Solidaritäten“ auszukommen; das sind „wesenhafte Bedeutungsbeziehungen“, die zwischen einzelnen Termen wie „Telephon“ und „läutet“, „Fall“ und „geritzt“, „Balken“ und „biegen“ usw. bestehen. Schweizer bevorzugt Phrasen, die gern im Genre der Kriminalerzählung auftreten, die er äußerst packend arrangiert und durch den häufigen Gebrauch von Ausrufezeichen spannungsvoll intoniert. Schon die Vorzeichen sind dunkel; dem Schreibtischtäter, der selten „ich“ sagt, erscheint alles verdächtig: „Habe das Gefühl, jemand beobachte – alles!“ Lage und Bleistift spitzen sich zu. „Dann: Schreibkrampf! Ein Schrei.“ Es ist etwas passiert, aber was? Ein Toilettenspiegel wird zertrümmert, aber weshalb? Und vor allem: „Der Gangster: hat sich überhaupt nicht gekümmert.“ Wir verstehen nichts, denn hier gibt es nur Abgründe, keine Gründe mehr. Es gibt auch keine Handlungsebene und also keine kausale Verknüpfung. Der Eindruck, wir hätten es hier mit einer reißerischen Kriminalerzählung zu tun, entsteht allein durch die Auswahl und Zusammenstellung der idiomatischen Wendungen.

In Schweizers Prosatext entlarvt sich der Allgemeinplatz selber, weil er sich überall einsetzen läßt; das deutet auf einen souveränen Umgang mit unserer Sprache hin. Anschwärzen wäre da unsauber.


© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung vom 11./12.01.1986.
'Persönliche Werkzeuge