Anschwärzen wäre unsauber. Martin Schweizer experimentiert auf Gemeinplätzen
aus Netzwerk-Literaturkritik, der freien Wissensdatenbank
Rezension von Lutz Hagestedt
Anschwärzen wäre unsauber
Martin Schweizer experimentiert auf Gemeinplätzen
MARTIN SCHWEIZER: Das Schwarze ist in der Mitte. Prosa. Oktop Verlag CH-8200 Schaffhausen, Eichenstraße 33. 24 Seiten. ISBN ?
„Es hätte besser sein können. Aber man muß ja nicht immer. Die Fragen sind gestellt, so oder so.“ Man gewinnt den Eindruck, als ob hier Gesprächsfetzen niedergelegt seien, unterbrochen von informellen Leerstellen.
Aber Martin Schweizers Auswahl von Redewendungen ist keineswegs ziel- oder gar bedeutungslos. Sie arbeitet viel mit Metaphern und versucht – um das Sprachspiel mal auf den Begriff zu bringen –, weitgehend mit „lexikalischen Solidaritäten“ auszukommen; das sind „wesenhafte Bedeutungsbeziehungen“, die zwischen einzelnen Termen wie „Telephon“ und „läutet“, „Fall“ und „geritzt“, „Balken“ und „biegen“ usw. bestehen. Schweizer bevorzugt Phrasen, die gern im Genre der Kriminalerzählung auftreten, die er äußerst packend arrangiert und durch den häufigen Gebrauch von Ausrufezeichen spannungsvoll intoniert. Schon die Vorzeichen sind dunkel; dem Schreibtischtäter, der selten „ich“ sagt, erscheint alles verdächtig: „Habe das Gefühl, jemand beobachte – alles!“ Lage und Bleistift spitzen sich zu. „Dann: Schreibkrampf! Ein Schrei.“ Es ist etwas passiert, aber was? Ein Toilettenspiegel wird zertrümmert, aber weshalb? Und vor allem: „Der Gangster: hat sich überhaupt nicht gekümmert.“ Wir verstehen nichts, denn hier gibt es nur Abgründe, keine Gründe mehr. Es gibt auch keine Handlungsebene und also keine kausale Verknüpfung. Der Eindruck, wir hätten es hier mit einer reißerischen Kriminalerzählung zu tun, entsteht allein durch die Auswahl und Zusammenstellung der idiomatischen Wendungen.
In Schweizers Prosatext entlarvt sich der Allgemeinplatz selber, weil er sich überall einsetzen läßt; das deutet auf einen souveränen Umgang mit unserer Sprache hin. Anschwärzen wäre da unsauber.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung vom 11./12.01.1986.
