Als Mädchen aufgezogen. Alain Claude Sulzers Porträt „Bergelson“

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Rezension von Lutz Hagestedt


Als Mädchen aufgezogen

Alain Claude Sulzers Porträt „Bergelson“

ALAIN CLAUDE SULZER: Bergelson. Erzählung. List-Verlag, München. 120 Seiten. ISBN 3-471-78626-0

Wenn den Dichtern nichts mehr einfällt, legen sie ein merkwürdiges Appetenzverhalten an den Tag. Sie setzen sich zum Beispiel vor ihre Schreibmaschine, spannen einen weißen Bogen ein und machen Fingerübungen. Andere blättern lustlos in fremden Büchern und schreiben einfach ganze Sätze ab, die ihnen als wichtig gelten.

Der Ich-Erzähler in Alain Claude Sulzers Erzählung „Bergelson“ tut das, weil ihm die eigenen Sätze überflüssig und zusammenhanglos erscheinen. Er schreibt Sätze oder Satzfragmente ab, die ihm als Stützen für eine biographische Erzählung dienen sollen. Im Mittelpunkt dieser Erzählung steht David Bergelson, ein greiser Schauspieler, der als Kind das Schicksal von Konstantinos Kavafis erlitten hat: „Der Säugling wurde rosa gekleidet und in rosa Bettwäsche gelegt“. Er wurde als Mädchen aufgezogen, weil seine Mutter nicht zur Kenntnis nehmen wollte, daß sie wieder einen Jungen zur Welt gebracht hatte. Bergelson kennt seinen Biographen seit vielen Jahren. Er hat ihm seine Lebensgeschichte auf acht Tonbänder gesprochen, die im Buch abgehört werden. Als Zehnjähriger macht er mit einem Kutscher die ersten sexuellen Erfahrungen. Als Jude und Homosexueller im Dritten Reich verfolgt, entkommt Bergelson der Gestapo und flieht über Umwege in die Schweiz und schließlich nach England. Dort ist sein Leben wie die Hühnerleitern, die er mit der Reisigbürste säubern muß. Nach dem Krieg kehrt er in die Schweiz zurück, wo er seinen späteren Biographen kennenlernt. Ihr Verhältnis wird gestört, als der Portier ihren Kreis betritt; die Trennung kündigt sich an. Alle drei sind homosexuell oder lassen zumindest ein erhebliches Ausmaß an latenter Homosexualität erkennen. Sie sind aufeinander eifersüchtig, sie lieben sich, sie lernen voneinander, sie erzählen sich ihre Wünsche und Träume und sprechen von ihren Visionen. Indem Sulzer das Problem der Homosexualität in das Zentrum seiner Erzählung stellt, spricht er auch über das Verhältnis des „Normalen“ zum „Anderen“. Er macht die Grauzone von Kunst, Ästhetizismus und Dandyismus, Homo- und Heterosexualität erneut zum Gegenstand von Literatur.

Der formale Aufbau von Alain Claude Sulzers Buch läßt auf eine Teilidentität mit seinem Ich-Erzähler schließen. Er spiegelt das synkretistische Verfahren des Erzählers genau wider. Das Buch enthält zahlreiche Zitate, unter anderem von Jean-Paul Sartre, Césare Pavese und Julien Green, die jedoch keinen abgerundeten, durchgeformten neuen Text aufbauen. Für eine Erzählung wirkt das Gerüst aus Sätzen, Satzfragmenten, Einfällen und Episoden in weiten Teilen auffallend unfertig und zusammenhanglos. Manches ist ausgeführt, aber vieles ist nur Materialsammlung, nur Konzept.

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 273 vom Mi., 27.11.1985
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