Alles erlebt? Autorenporträts von Volker Hage
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Rezension von Lutz Hagestedt
Alles erlebt?
Autorenporträts von Volker Hage
VOLKER HAGE: Alles erfunden. Porträts deutscher und amerikanischer Autoren. Rowohlt Verlag, Reinbek 1988. 317 Seiten. ISBN 3-498-02888-X (Neuauflage: ISBN 3-423-19032-9)
Das besondere Interesse des Buches gilt einem alten Steckenpferd von Literaturkundlern, dem Verhältnis von Leben und Werk. Die Lebenswirklichkeit des Autors gibt jedoch wenig Aufschluß über die Beschaffenheit eines literarischen Textes. Zudem ist man als Kritiker nicht in der Lage zu beurteilen, ob das, was die Autoren schreiben, „wirklich erlebt“ wurde oder nicht. Deshalb sind auch Formulierungen, ein Buch sei in „schonungsloser, kompromißloser Offenheit“ geschrieben, es sei „Bekenntnis“, „Schlüsselwerk“, „Vergegenwärtigung“, „Entblößung“, es sei „unverstellt“, „autobiographisch“, „erlebt“ oder „authentisch“ und so weiter, bloß Kritikergeschwätz und empirisch überhaupt nicht nachprüfbar. Es ist dem Rezensenten nicht möglich, umfangreiche Erhebungen anzustellen, um seine Thesen zu untermauern, und es wäre wohl auch nicht sinnvoll und nicht erstrebenswert. Deshalb wählt Volker Hage den Weg des Interviews, ohne jedoch die spezifischen Probleme zu sehen, die sich hier ergeben. Die Autoren nach der biographischen Wahrheit ihrer Texte zu fragen hat – mit Verlaub – etwa genauso viel Sinn, wie Konrad Kujau nach der Echtheit der Hitler-Tagebücher zu fragen. Sagt er: „Sie sind echt!“, so glauben wir es nicht, sagt er: „Alles erfunden!“, so haben wir es eh schon gewußt. „Die biographische Wahrheit ist nicht zu haben“, sagt Freud, „und wenn man sie hätte, wäre sie nicht zu gebrauchen“. Es empfiehlt sich deshalb, nicht nur aus pragmatischen Gründen, die Frage nach der außerliterarischen Wirklichkeit überhaupt auszuklammern und Formulierungen zu wählen, die dem Problem gerechter werden, etwa: Der Text operiere mit der Fiktion, daß Autor und Figur identisch seien; das Buch postuliere, authentisch bzw. autobiographisch zu sein; die Story sei – laut Fiktion – erlebt, wahrhaftig und so weiter.
Volker Hage stellt in seinen Porträts immer und immer wieder die Frage nach dem Autobiographischen, sogar bei Texten, die deutlich als Fiktion ausgewiesen sind (etwa „Bronsteins Kinder“, „Die Widmung“), und diese Frage entlarvt ihn letztlich doch wieder als Anhänger jener kurz-denkerischen Theorie, für die Leben und Werk eines Autors in einem 1:1-Abbildungsverhältnis stehen. Das Niveau seiner Fragen und das Niveau der Antworten seitens der Autoren stehen jedenfalls in keinem Verhältnis. Botho Strauß antwortet auf die Frage nach dem Autobiographischen: Jede „Form“ sei eine Art von Selektion und Rasterbildung, die „gnadenlos bestimmte Dinge ausscheidet, die in der amorphen Lebendigkeit noch da sind“. Diese vielleicht intelligenteste Antwort im ganzen Buch anerkennt, daß unter Autobiographie, Authentizität oder Erlebnis nichts anderes verstanden werden kann als eine bestimmte Form der Präsentation des Materials: An einem Buch sei alles „Konstruktion, die überhaupt keinen Autobiographismus in sich birgt. Es klingt nur so.“ John Updike antwortet mit deutlicher Ironie: „Ich teile also eine wesentliche Erfahrung mit Harry Angstrom (einem seiner Helden): Man wird nicht jünger.“ Max Frisch antwortet, daß „jedes Erlebnis ... im Grunde unsäglich“ bleibe. Seine „autobiographische“ Erzählung „Montauk“ und der US-amerikanische Küstenort Montauk haben eines gemeinsam: beide verheißen Aussicht auf etwas, das nicht zu sehen ist. Der Ort verheißt „Overlook“ – Aussicht auf die andere Seite des Ozeans. Die Erzählung verheißt Aussicht auf die reale biographische Realität ihres Verfassers Max Frisch. Auch die ist nicht zu haben, alles ist immer schon fiktional. Man hat leider nicht den Eindruck, daß Hage diese Antworten ernst genommen hätte. Sein Buch enthält zahlreiche Null-Sätze, die den Verdacht bestätigen, daß sein Buchtitel „Alles erfunden“ ein im Grunde triviales Literaturverständnis bemänteln soll: „Literatur und Wirklichkeit sind bei Koeppen unauflösbar verschlungen.“ Oder: „Updike ist bei diesem Roman („Die Hexen von Eastwick“) nicht auf der Höhe seiner Kunst, vielleicht ist die Geschichte wirklich zu weit von ihm selbst weg.“ Oder: „Daß die Welt sich für die Literatur von Frisch interessierte, hat auch damit zu tun, daß Frisch sich von Anfang an für die Welt interessierte.“ – Ja, so stellt Volker Hage sich das vor.
Da aber das Problem so unbegriffen geblieben ist, bleibt ein großes Unbehagen, geraten auch die Porträts in Verdacht, methodisch unsauber gearbeitet zu sein. Es ist gar keine Frage, die vorliegende Sammlung ist unterhaltsam geschrieben und angenehm zu lesen, sie erfüllt damit ein Bedürfnis der Kulturindustrie. Aber zum Verständnis eines literarischen Werkes trägt sie leider nichts bei.erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 141 vom Mi, 22.06.1988. S. 39.
