Abschied von Berlin - Howard A. Rodman: LANGopolis

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Rezension von Lutz Hagestedt

Abschied von Berlin

Ein Roman über Fritz Lang

HOWARD A. RODMAN: LANGopolis. Aus dem Englischen von Siegrid Toth. Quadriga Verlag, Weinheim und Berlin 1990. 236 Seiten.

Faktentreue im historischen Sujet ist sicherlich wünschenswert und wird von den meisten Lesern stillschweigend vorausgesetzt. Wenn aber die Fakten einmal nicht stimmen und der Autor sich nicht auf dichterische Freiheit herausreden kann, dann ist der Vorwurf der „historischen Kolportage“ schnell zur Hand. Bei Gelegenheit eines Romans von Howard A. Rodman hat die Kritik ein großes Lamento erhoben, weil der amerikanische Novellist schlampig recherchiert und kein größeres Interesse an seinem Thema gezeigt habe. Diese Mängel jedoch, die die Kritik bewogen haben, das Kind mit dem Bade auszuschütten und darüber die Qualitäten von Rodmans Roman „LANGopolis“ aus den Augen zu verlieren, sind eher eine Quantite negligeable. So vermengt Rodman zum Beispiel die beiden Firmennamen „Eclair“ und „Decla-Bioskop“ und macht „Eclair-Bioskop“ daraus. Eine Lappalie, sicher, die aber dazu führen kann, daß ein geschickter, wenn vielleicht auch nicht genialer Erzähler mit aller Härte verrissen wird.

Dieser Erzähler führt uns in das Berlin des Jahres 1933. Seine Hauptfiguren heißen Fritz Lang und Thea von Harbou, sein Stil bedient sich ganz entschieden filmischer Erzähltechniken, schneller Schnitte, Rückblenden et cetera. Locker aneinandergereihte Einstellungen evozieren einerseits Stimmungsbilder vom „braunen“ Berlin und unterstreichen andererseits Langs Orientierungslosigkeit in dieser Zeit kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Wie man sich künftig verhalten, ob man sich arrangieren oder emigrieren soll, das ist die Frage. Fritz Lang hat gerade einen Film (Das Testament des Dr. Mabuse) fertiggestellt, dessen Premiere in unbestimmte Ferne rückt. Lang erlebt die Wirklichkeit wie ein Benommener, überhaupt macht die dargestellte Welt einen hypnotisierten und unwirklichen Eindruck. Der Zahnarzt, bei dem Lang gerade war, hat ihm Chloroform verabreicht, und dieser Äther wirkt wie ein zusätzlicher Filter. Ähnlich muß der Wehrmachtssoldat Ernst Jünger Berlin gegen Ende des Ersten Weltkriegs erlebt haben, als seine Wahrnehmungs- und Reaktionsfähigkeit infolge eines Ätherrausches gelitten und ihn mit der Grußpflicht in Konflikt gebracht hatte.

Rodman stellt dar, wie braune Schlägertruppen das Straßenbild Berlins dominieren, wie - fast unmerklich - Agenten und Denunzianten ihre Arbeit aufnehmen, wie allmählich Goebbels und Konsorten den freien Künstlern den Boden entziehen. Fritz Lang wird sich für die Emigration entscheiden; am 29. März 1933 geht er nach Paris.

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 49 vom 27.02.1991.
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