... und meinen Büchern viele neue Leser

aus Netzwerk-Literaturkritik, der freien Wissensdatenbank

Kommentar von Lutz Hagestedt


… und meinen Büchern viele neue Leser


Der Haffmans-Verlag legt seinen Büchern neuerdings ein Faltblatt bei, worin er – sicher nicht ganz zu Unrecht, aber doch in ziemlich arroganter Weise – die „Preislage des Verlags“ erläutert und sich jede Mitsprache aus unberufenen Mündern verbittet. Es ist unwahrscheinlich, daß Hans Wollschläger den Text geschrieben hat, das ist nicht ganz sein Niveau, aber er gehört als Haffmans-Autor zu denen, die sich für drastisch höhere Bücherpreise und wesentlich mehr Autorenhonorar (30 Prozent vom Ladenpreis) einsetzen. Er sähe die literarische Billigware, die der Kunst doch nur die Leser abzieht, gerne von den Verkaufstischen verbannt; dann wäre auch für die guten Bücher genug Geld da. Sein einfaches Credo lautet: „Wer kaufen will, der zahle.“

Und wenn man sich Wollschlägers Jahresverdienst ansieht, den er in der wohlgefeilten und wohlfeilen Philippika „in diesen geistfernen Zeiten. Konzertante Noten zur Lage der Dichter und Denker für deren Volk“ (Haffmans, 71 Seiten, 20 Mark) freimütig bekannt gibt, dann kann man seine Haltung durchaus nachvollziehen: 1975 hat er nur 19 214 Mark brutto verdient, und damals ist ja immerhin seine Ulysses-Übersetzung erschienen.

Nicht die „Armut“ aber ist es recht eigentlich, die ihn stört: Er würde sie ja billigend in Kauf nehmen, wenn nicht das schlichte Geldverdienen als Übersetzer ein so beinhartes Brot wäre, daß es die eigene Kunstproduktion ernsthaft gefährdet. Da muß was dran sein, denn wir warten ja schon seit Jahren auf den zweiten Band seines monumentalen Romans „Herzgewächse oder Der Fall Adams“. Wenn wir also gute Spiele haben wollen, so lautet die einfache Conclusio, dann müssen wir die Dichter besser ins Brot setzen. Es würde schon eine große Erleichterung bringen, wenn man nach dem Vorbild der Republik Irland den Künstlern Freiheit von allen direkten Steuern gewährte. Das würde einem feinnervigen Stilisten wie Hans Wollschläger die Lektüre jener widrigen Finanzamtsprosa ersparen, die ihn immer für ein paar Tage schreibunfähig macht. Aber er hat noch mehr Vorschläge, die sinnvoll klingen:

  • Einführung eines Kulturgroschens (der den Künstlern „ohne schmälernde Umwege über Truppenübungsplätze“ zugute kommen sollte)
  • Anlage eines Fonds aus den Erträgen der gesamten Literaturgeschichte
  • Revision des Urhebergesetzes.

Gerade der letzte Punkt ist ein arges Ärgernis. Der Staat schützt zwar das Privateigentum, diese Heilige Kuh des Abendlandes, nicht aber gleichermaßen das geistige Eigentum. Diese Kuh wird bereits siebzig Jahre nach Ableben ihres Urhebers geschlachtet. Gegen das Schlachten hätte Wollschläger ja gar nichts einzuwenden, wenn man von dem Fleisch eine Garküche zur Ehrenspeisung der Dichter unterhielte. Sein Wort in der Gesetzgeber Ohr. Allerdings setzen seine Appelle, das Urheberrecht endlich zu ändern, voraus, daß die Politiker überhaupt daran interessiert sind, den Schriftstellern zu helfen. Aber „die Literatur muss wissen, daß sie von den Politikern nicht mit dem Arsch angesehen wird“ (Rolf Hochhuth).

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Literatur. Beilage der Süddeutschen Zeitung zur Frankfurter Buchmesse. Mittwoch, 1. Oktober 1986. Nr. 225. S. VII.
'Persönliche Werkzeuge