Über die Grenzen des Gewöhnlichen hinaus. Der Schriftsteller Ernst Augustin wird morgen 80 Jahre alt

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Über die Grenzen des Gewöhnlichen hinaus

Der Schriftsteller Ernst Augustin wird morgen 80 Jahre alt

Lutz Hagestedt


Für die meisten Leser dürfte der Erzähler Ernst Augustin ein Unbekannter sein. Dabei möchte sein literarisches Werk zwischen all dem Mottenfraß der Welt ein bisschen Schönheit stiften, ihr etwas Farbe beimischen und den Lesern neue Kontinente erschließen. Zehn Bücher hat er seit 1962 vorgelegt, und pünktlich zum 80. Geburtstag macht ihm sein Verlag (C. H. Beck) eine Kassette mit neu gestalteten (und teils auch neu gefassten) Büchern zum Geschenk. Zeit also, einen alten Autor neu zu entdecken.

Seine Wurzeln führen zurück nach Hirschberg im Riesengebirge, wo der Vater Studienrat war, als seine Frau Johanna am 31.10.1927 mit Ernst Joachim niederkam. Die ersten bewussten Erinnerungsfragmente stammen aus der Schweidnitzer Zeit, wo Augustin die Grundschule besuchte. 1934 zog die Familie nach Schwerin (und lebte im Obotritenring 101), und Ernst besuchte dort die Oberschule; gleich nach dem Krieg heuerte er beim Großvarieté Mecklenburg an, malte Plakate und baute Zelte mit auf, wirkte also als Faktotum, als Mädchen für alles. Nach der Reifeprüfung studierte er Medizin in Rostock und ging mit dem Physikum in der Tasche 1950 nach Berlin, wo er 1952 auch promoviert wurde. In Wismar absolvierte er seine Pflichtassistenz, bevor er 1955 als Assistenzarzt an die Charité nach Ost-Berlin wechselte.

Rostock, sein erster Studienort, hatte die schlimmen Kriegsfolgen noch nicht überwunden, als Augustin sich 1947 an der Universität einschrieb. Die Wohnungsnot war entsprechend groß, und so wurde der angehende Arzt bei einer (noch recht flotten) Dame von Mitte achtzig eingemietet; er wohnte in der Neuen Bleicherstraße 20 (unterm Dach juchhe) und ging an warmen Sommertagen mit seiner (jeweiligen) Dame zur Warnow hinunter, ließ flache Kiesel übers Wasser hüpfen oder blickte versonnen auf die alte Wassermühle (aus der einmal ein moderner Wohnpark werden würde). Er hatte Visionen, und die zwangen ihn 1958 die DDR zu verlassen: Drei Jahre lang leitete er ein Krankenhaus in Afghanistan und bereiste 1961 Indien. Seither lebt er in München – einer Stadt, die selbst eine Art Indien sei, wie er einmal schrieb.

Aber auch Ostdeutschland blieb ein Sehnsuchtsland, wie sein Roman „Eastend“ (1982) deutlich macht, dessen Held sich kurzerhand entschließt, via Hamburg nach Schwerin zu reisen: „Ich saß an diesem dreiundzwanzigsten Januar im Frühstückszimmer und blickte auf die Möwen über dem Pfaffenteich, der immer noch so hieß – sie hießen alle noch so, Arsenalberg, Ziegelwerder und Ziegelsee –, und aß mein gekochtes Ei, Marmelade gab es in der Schale, der Kaffee war auch ganz anständig. Die läuferartige Decke auf der Zentralheizung stammte aus einer ernsthafteren Epoche, auch die Aschenbecher mit den fähnchenhaltenden Bügeln (die Fähnchen fehlten).“

Ein Gefühl von Heimat stellt sich ein, als der Erzähler die Stadt der Seen und Wälder erneut erkundet: Das „Café Goldenbaum gab es nicht mehr“, dafür aber „den Kulturbund unten an der Ecke“. Im ersten Wagen der Straßenbahn sitzt noch immer die rothaarige Uta von Girsewald, sein Schwarm aus frühen Tagen, und noch immer steigt sie an der Ecke Paulshöhe aus, wo ihr der Erzähler damals erwartungsvoll entgegengefiebert hatte, „mit der seltsam gepressten Erotik, die sich nicht auf die Glieder, sondern ausschließlich auf den Kopf bezieht“.

Die Damen spielten und spielen eine große Rolle in Augustins Leben – man ahnt es, wenn man von Snakewomen erfährt, der kaffebraunen Schönheit aus Mittelamerika („Der amerikanische Traum“), oder von Jette liest, der holländischen Braut, die ihre Brüste aus dem Fenster hängen lässt, um für die Hochzeitsgesellschaft Platz im Haus zu schaffen („Schönes Abendland“). Das Studium litt wohl ein wenig unter diesem nachdrücklichen Interesse für das andere Geschlecht („die Waden oder die Hüften“), wenngleich sich die weibliche Anatomie am Strand von Warnemünde mindestens ebenso gut studieren ließ wie in der Vorlesung am Universitätsplatz. Abends (oder bereits nachmittags) ging es dann zum Tanztee („Ich brech die Herzen der stolzesten Fraun“).

1953 verband sich dieser Lebenskünstler mit der Malerin Inge Kalanke, einer fantastischen Frau, die heute seine Buchumschläge mit surrealen Seelenlandschaften gestaltet – ganz im Stile einer Prosa, für die das Deutsche das schön schillernde Wort „zauberhaft“ bereithält. Zauberhaft im Sinne von „wunderschön“ und „bestrickend“, aber eben auch als Talmi, Illusion und Vexierspiel. Ein Werk, geeignet sich verzaubern zu lassen.

Der Verfasser ist Professor für Neuere und neueste deutsche Literatur an der Universität Rostock.

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