Ästhetik-Abgott einer Generation - Jürgen Egyptien porträtiert Albrecht Fabri

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Lutz Hagestedt

Ästhetik-Abgott einer Generation

Jürgen Egyptien porträtiert Albrecht Fabri

Jürgen Egyptien: Gespräche mit Albrecht Fabri. Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn 2009. 28 Seiten, 10 Euro. ISBN 978-3-938743-67-6

„Kann man Schriftsteller besuchen?“, fragt Albrecht Fabri (1911–1998) in einem Essay und führt grundlegend aus, dass der schöpferische Autor und sein Alter Ego im Zivilstandsregister zwei sehr unterschiedliche Personen repräsentieren können. Jürgen Egyptien (Jahrgang 1955) hat den quirligen Kölner Schriftsteller, Lektor und Übersetzer mehrfach aufgesucht und befragt: zu seinem Studium (Fabri belegte Germanistik, Philosophie und Musik in Köln und Bonn) und seinen Studienkontakten (er kannte Hans Mayer und war mit Max Bense und Erwin Bücken befreundet; er gehörte zur „Rheinischen Gruppe“ progressiver Künstler um den Mundartdichter Goswin Peter Gath); zu seinen akademischen Lehrern (darunter Ernst Bertram) und künstlerischen Freunden (Horst Antes etwa, Willem Arondeus und Max Ernst, HAP Grieshaber und Hann Trier).

Egyptien, Literaturwissenschaftler und Poet aus Aachen, der im selben Bayreuther Garten spielte wie weiland Jean Paul, der Dürschnitz, kennt Werk und Person genau und beschreibt ihn als eine Art „chinesischen Weisen“ mit auffällig großen Ohren: „Bei meinen letzten Besuchen lebte Fabri in der Wohnung seiner Frau am Luxemburger Ring. Nach dem gemeinsamen Kaffee zog ich mich mit Fabri in die fast leere Nachbarwohnung zurück, die ganz weiß gestrichen und sehr hell war. Nur ein Schreibtisch, drei fragile Sitzmöbel und ein kleines Rauchertischchen standen darin. Fabri sprach meist in langen Monologen, denen ich nur die Stichworte lieferte. Ich empfand die Situation fast wie ein Bühnengeschehen, als wäre ich der Souffleur für einen einzelnen alten Mann auf einer nahezu leeren Bühne, der mehr für sich als für einen Adressaten sprach. Dazu kam, dass Fabri beim Reden die Augen manchmal länger geschlossen hielt, sich in der Binnenwelt seiner Erinnerungen bewegte. Er hatte alles Gestische abgelegt, war bloß noch Stimme.“

Er, der Paul Celan vor seinem Durchbruch in Paris aufsuchte und seine Gedichte der Zeitschrift Merkur empfahl, der sogar in Gottfried Benns Marburger Rede „Probleme der Lyrik“ zitiert ist, wurde von Georg Hensel als „Ästhetik-Abgott seiner Generation“ bezeichnet (in dessen Autobiographie „Glück gehabt“). Fabri lehrte an der Ulmer Hochschule für Gestaltung; als Lektor des Rauch Verlages (Düsseldorf) und des Limes Verlages (Wiesbaden) machte er Bücher von bedeutenden Autoren wie Blaise Cendrars, Desmond Morris, Thomas Pynchon und Boris Vian; als begabter Essayist machte er Adorno auf sich aufmerksam – mit einem Text über Karl Kraus in der Zeitschrift Merkur.

Im Alter lebte er, halb vergessen, inmitten seiner Bibliothek und seiner Ammonitensammlung: „Bei meinem letzten Besuch forderte er mich auf, mir aus seiner Steine-Sammlung ein Stück auszusuchen. Er hatte einige fast transparente Flussspat-Würfel, von denen ich einen mitnahm. Als ich von seinem Tod erfuhr, warf ich den Flussspat bei nächster Gelegenheit in Rodenkirchen in den Rhein.“ Man kann und sollte sogar Schriftsteller besuchen.

© LUTZ HAGESTEDT

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