"Was bleibt" - Ein persönlicher Rückblick auf die DDR-Literatur
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»Was bleibt«
Ein persönlicher Rückblick auf die DDR-Literatur
Von Ruth Weiß
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Der vorliegende »Rückblick« versteht sich als ein Versuch der Auseinandersetzung mit unserer unmittelbaren Vergangenheit. Er möchte an das erinnern, was uns geprägt hat, und auf das aufmerksam machen, was an der DDR-Literatur bewahrenswert ist – vielleicht auch zum Wieder- oder Neulesen ermuntert. Dabei kann es im Rahmen dieses Beitrags nur um einen fragmentarischen und persönlichen Rückblick gehen. Ich möchte auf das hinweisen, was mir in den Jahren zwischen 1964 und 1989 im Umgang und in der Auseinandersetzung mit der DDR-Literatur wichtig gewesen ist, im Sinne der letzten Erzählung Christa Wolfs, die ich an den Ausgangspunkt meiner Überlegungen stelle, wobei der Titel der Erzählung nicht als Frage, sondern als Feststellung formuliert ist: »Was bleibt«.
I. Christa Wolfs Erzählung »Was bleibt« und der Literaturstreit im vereinten Deutschland
Anfang Juni 1990 erschien eine Erzählung Christa Wolfs mit dem Titel »Was bleibt«, die sie bereits im Juni/Juli 1979 geschrieben und im November 1989 überarbeitet hatte. In ihr beschreibt die Ich-Erzählerin, die offensichtlich mit der Autorin identisch ist, einen Tag ihres Lebens, das seit Monaten von der Observierung durch die Staatssicherheit überschattet ist. An dieser Erzählung hat sich ein heftiger Literaturstreit entzündet, an dem führende Feuilletonisten der großen Tages- und Wochenzeitungen und namhafte Autoren der alten Bundesrepublik wie Günter Grass und Walter Jens beteiligt waren, und in dem sich Anhänger und Gegner Christa Wolfs z.Tl. erbittert bekämpft haben. Dabei wurde Christa Wolf u.a. vorgeworfen, eine »Staatsdichterin« der DDR gewesen zu sein, die sich nun nachträglich als Märtyrerin darstellen wolle.
Der eigentliche Anlaß dieses Streits – die Erzählung Christa Wolfs und der Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung – ist im Laufe der Auseinandersetzung bald in den Hintergrund getreten; er hat sich auch nicht auf die Person der Autorin und ihre Rolle innerhalb der DDR-Literatur beschränkt, sondern darüberhinaus die gesamte offizielle Literatur der DDR in Frage gestellt, ja, schließlich die deutsche Nachkriegsliteratur – repräsentiert durch Autoren wie Günter Grass, Heinrich Böll, Walter Jens u.a. – insgesamt, insofern sie sich als eine engagierte Literatur verstanden hat, die mit einem moralischen Anspruch auftrat und auch im gesellschaftlichen Bereich etwas bewirken wollte. Sie wurde generell als eine Literatur der »Gesinnungsästhetik« (Ulrich Greiner) abqualifiziert, d.h. als eine Literatur, die ihren literarischen Wert von ihrer Gesinnung ableite.
Die Person Christa Wolfs und ihre Erzählung war also nur der Anlaß für eine viel prinzipiellere Auseinandersetzung, wobei ihre Person sich deshalb so gut als Auslöser dieser Auseinandersetzung eignete, als sie in Ost und West gleichermaßen Anerkennung und Wertschätzung genoß, ein Angriff auf ihre Person also bei vielen einen empfindlichen Nerv treffen mußte. Interessanterweise haben ihre Gegner mit Argumenten der von ihnen selbst so bezeichneten und abqualifizierten Gesinnungsästhetik gegen sie polemisiert, d.h., man hat in erster Linie ihre politische Haltung und ihre moralische Integrität in Frage gestellt und erst in zweiter Linie ihre literarischen Fähigkeiten, wobei einige Kritiker offen zugaben, kein Empfinden für ihre Art der Darstellung zu besitzen und sich bisher auch nicht darum bemüht zu haben.
So hat sich die Kritik an der die Debatte auslösenden Erzählung auch hauptsächlich an Vordergründigem festgemacht und sich kaum um die Aussage und deren literarische Umsetzung bemüht. Wer die Erzählung aufmerksam und unvoreingenommen liest – nicht als Tatsachenbericht, sondern als verdichtete Erfahrung –, wird erkennen, daß es sich hierbei auch um den Versuch handelt, ein Stück unserer jüngsten Vergangenheit selbstkritisch aufzuarbeiten. In der leisen, indirekten Sprache Christa Wolfs, die seismographisch genau die Befindlichkeit der Ich-Erzählerin erfaßt, wird erzählt, wie die Erfahrung der ständigen, offensichtlichen Observierung ihr Leben nachhaltig verändert: Wie sich Angst und Mißtrauen ausbreiten und den Umgang mit anderen Menschen belasten, die Konzentration auf die Arbeit verhindern. Sie beobachtet sich selbst sehr genau und selbstkritisch – und liefert ihren Gegnern damit billige Argumente! –, sie gesteht sich ihre Angst, ihre Mutlosigkeit und ihre Gespaltenheit ein und hofft doch darauf, über dies alles einmal schreiben zu können in einer Sprache, die ihr jetzt noch nicht zur Verfügung steht. »Eines Tages, dachte ich, werde ich sprechen können, ganz leicht und frei. Es ist noch zu früh, aber ist es nicht immer zu früh. Sollte ich mich nicht einfach hinsetzen an diesen Tisch, unter diese Lampe, das Papier zurechtlegen, den Stift nehmen und anfangen. Was bleibt. Was meiner Stadt zugrunde liegt und woran sie zugrunde geht. Daß es kein Unglück gibt außer dem, nicht zu leben. Und am Ende keine Verzweiflung außer der, nicht gelebt zu haben.« (S. 107f).
Auf gänzlich andere Weise hat Uwe Johnson Ende der 50er Jahre in seinem Roman »Mutmaßungen über Jakob« die Allgegenwart der Staatssicherheit und ihre Auswirkungen auf die betroffenen Menschen geschildert. Er ist am Tag der Veröffentlichung seines Buches im Suhrkamp Verlag nach Westberlin gegangen. Christa Wolf wollte die DDR nicht verlassen – sicher auch, weil sie glaubte, hier etwas bewirken zu können – und hat deshalb eine Veröffentlichung ihrer Erzählung in Westdeutschland nicht gewagt. Ihr daraus einen Vorwurf zu machen, steht wohl niemandem zu.
Im Laufe der Auseinandersetzung um Christa Wolf und die DDR-Literatur ist von seiten ihrer Verteidiger der Verdacht geäußert worden, daß man den Menschen in der ehemaligen DDR ihre Identität nehmen wolle, indem man die Literatur, in der sie sich und ihre Probleme wiedergefunden und mit der sie sich identifiziert haben, in Frage stelle. Das mag bewußt oder unbewußt bei einigen Kritikern im Hintergrund gestanden haben. In diesem Zusammenhang stellt sich nun auch die grundsätzliche Frage, ob es überhaupt eine eigenständige DDR-Literatur gegeben hat, oder ob sie nicht Teil einer gemeinsamen deutschen Literatur gewesen ist. Und – sofern man eine eigene DDR-Literatur postuliert –, wer denn nun eigentlich zu den DDR-Schriftstellern zu zählen sei, da zahlreiche Autoren die zunächst in der DDR gelebt und publiziert haben, in der zweiten Hälfte der 70er Jahre mehr oder weniger freiwillig in die damalige Bundesrepublik ausgereist sind und einen Teil ihrer Werke auch nur dort veröffentlichen konnten. (Jurek Becker, Klaus Schlesinger, Günter Kunert, Rolf Schneider, Reiner Kunze, Sarah Kirsch u.a.) Das entscheidende Kriterium für die Zugehörigkeit zur DDR-Literatur würde ich darin sehen, wieweit diese Autoren auch in den außerhalb der DDR publizierten Werken – und oft gerade in diesen, weil bestimmte Fragestellungen für die offizielle Kulturpolitik der DDR tabu waren – DDR-spezifische Themen und Probleme artikuliert haben. Das trifft z.B. auf Bücher von Jurek Becker und Klaus Schlesinger zu, aber auch auf Monika Maron, die zwar bis 1988 in der DDR gelebt hat, ihre Bücher aber nur in der BRD veröffentlichen konnte. (1981 ist ihr erster Roman »Flugasche« erschienen.)
In ganz anderer Weise trifft dies auch auf Uwe Johnson zu, auch wenn er die DDR bereits 1959 verlassen hat und offiziell totgeschwiegen wurde. Erst nach seinem Tod 1984 konnte in der Literaturzeitschrift »Sinn und Form« ein Beitrag über ihn erscheinen und erst 1989 der Band »Eine Reise wegwohin und andere kurze Prosa«. Vielleicht gilt für Uwe Johnson wie für kaum einen anderen, daß er ein gesamtdeutscher Schriftsteller gewesen ist, der an der deutschen Teilung gelitten und vielleicht auch an ihr zugrundegegangen ist.
Ein gesamtdeutscher Dichter ist auch Johannes Bobrowski gewesen, nicht nur, weil seine Werke gleichzeitig in der BRD und der DDR erschienen sind, sondern weil sein Thema – Die Deutschen und der europäische Osten – ein deutsches Thema gewesen ist, das gerade heute wieder von hoher Brisanz und Aktualität ist.
Zusammenfassend ließe sich zu diesem Problemkreis DDR-Literatur sagen, daß sie Teil der deutschen Nationalliteratur gewesen ist, daß aber innerhalb dieser Teilliteratur spezifische Themen und Probleme zur Sprache gekommen sind, die für die hier lebenden Menschen wichtig waren.
Diese Literatur war ein Stück unserer Identität, die es zu bewahren gilt. Es ist wichtig, sich an das zu erinnern, was uns geprägt hat, weil – wie Christa Wolf im »Kindheitsmuster« sagt – »wir uns unaufhaltsam fremd werden ohne unser Gedächtnis an das, was wir getan haben, an das, was uns zugestoßen ist.«
II. Die Überwindung des »Sozialistischen Realismus« in der DDR-Literatur der 60er Jahre
1. Erwin Strittmatter
Die DDR-Literatur der 50er und zum Teil auch der 60er Jahre ist geprägt durch den »Sozialistischen Realismus« d.h. man knüpfte formal an die realistischen Erzähltraditionen des 19. Jahrhunderts an und füllte sie mit neuem Inhalt, dem Aufbau des Sozialismus in Industrie und Landwirtschaft. Im Mittelpunkt stand der »positive Held«, oder doch ein sich zum Positiven wandelnder Held, in dessen Person sich das Neue verkörperte. (Beispiele für den »Sozialistischen Realismus« sind der Roman »Spur der Steine« (1964) von Erik Neutsch und die beiden umfangreichen Romane von Anna Seghers »Die Entscheidung« (1959) und »Das Vertrauen« (1968), die allerdings nicht die Prägnanz ihrer früheren Romane »Das siebte Kreuz« (1942) und »Transit« (1948) erreichen.)
Doch bereits die beiden Romane »Tinko« (1954) und »Ole Bienkopp« (1963) von Erwin Strittmatter (Jg. 1912) lassen sich nicht eindeutig dem »Sozialistischen Realismus« zuordnen, auch wenn sie sich inhaltlich mit der Umgestaltung auf dem Lande befassen. Weder der kindliche Held Tinko noch die eigenwillige Figur des Ole Bienkopp eignen sich als »positive Helden« – was Strittmatter im Falle des »Ole Bienkopp« auch heftige Kritik eingetragen hat –, vielmehr wird an ihnen auch die ganze Problematik und Schwierigkeit der sozialistischen Umgestaltung deutlich. Überhaupt ist Erwin Strittmatter selbst eine viel zu eigenwillige Persönlichkeit, als daß er sich in irgendein Schema – auch nicht das eines »Bauernschriftstellers« – einordnen ließe. Das macht besonders seine weitere Entwicklung deutlich. 1966 erschien der erste Band seines breitangelegten Entwicklungsromans »Der Wundertäter«, in dem er die Lebensgeschichte des Glasmachersohns Stanislaus Büdner von dessen Geburt im Jahr 1909 bis zum Ende des zweiten Weltkriegs erzählt und dabei ein Gesellschaftsbild aus der Sicht der »kleinen Leute« entwirft. In dem 1973 erschienenen zweiten Band schildert er die verschlungenen Lebenswege seines Helden in der ersten Nachkriegszeit und in dem 1980 erschienenen dritten Band schließlich dessen Erfahrungen als Kulturredakteur in den ersten Jahren der DDR und seine Entwicklung zum Schriftsteller.
Hatte er bereits im zweiten Band mit der Einführung der Gestalt des »Meisterfauns« als Gesprächspartner seines Helden phantastische Elemente in die realistische Erzählweise einbezogen, so enthält vor allem der dritte Band eine kritische Auseinandersetzung mit der offiziellen Kulturpolitik und dem Kulturbetrieb der DDR. Aus den 1990 veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen Erwin Strittmatters aus den Jahren 1973–1980 geht hervor, daß er eine Veröffentlichung dieses Bandes in der DDR für unwahrscheinlich gehalten hat. Gleichzeitig mit dem ersten Band des »Wundertäters« erschien 1966 der Band »Schulzenhofer Kramkalender«, eine Sammlung von Impressionen, Kurzgeschichten und Aphorismen, in denen die Erkenntnis aus einer sehr genauen und detaillierten Betrachtung der Natur und menschlicher Verhaltensweisen erwächst. Die Form der »Kleingeschichten« hat Strittmatter auch weiterhin neben der großen Romanform gepflegt (»3/4 hundert Kleingeschichten«, »die blaue Nachtigall oder Der Anfang von etwas«, »Meine Freundin Tina Babe« u.a.) Auch der dreibändige, stark autobiog[r]aphisch geprägte Roman »Der Laden« (1985, 1987 und 1990), der die Verhältnisse in seiner sorbischen Heimat schildert, in denen in nuce ein Weltenpanorama enthalten ist, setzt sich aus vielen, genau und liebevoll, dabei kritisch beobachteten und erzählten Einzelbegebenheiten zusammen. Ein hintergründiger Humor prägt die Erzählweise Erwin Strittmatters.
Erwin Strittmatter hat sich in der DDR eine große Lesergemeinde erworben, wie der starke Zuspruch zu den Lesungen des Achtzigjährigen aus dem dritten Band des »Laden« beweist, während er in Westdeutschland fast unbekannt geblieben ist.
2. Johannes Bobrowski
Wie bereits der Hinweis auf das Werk und die Entwicklung Erwin Strittmatters deutlich macht, setzt etwa seit Mitte der 60er Jahre eine neue Entwicklung in der DDR-Literatur ein. Sie sprengt das enge Korsett des verordneten »Sozialistischen Realismus« und wird nach Inhalt und Form vielfältiger und vielschichtiger und damit auch interessanter, und sie findet auch über die Grenzen der DDR hinaus verstärkt Beachtung.
Für mich ist diese neue Entwicklung vor allem verbunden mit dem 1964 erschienenen Roman »Le[v]ins Mühle« von Johannes Bobrowski (1917–1965). Der Roman verzichtet auf eine kontinuierlich erzählte Fabel, er gibt auch nicht mehr vor, Abbild der Wirklichkeit zu sein, sondern der Autor baut eine eigene erzählerische Wirklichkeit auf und nimmt sich das Recht, kommentierend und reflektierend in den Handlungsablauf einzugreifen. Damit gewinnt der Umgang mit der Form eine gewisse spielerische Leichtigkeit, die aber nichts mit Unverbindlichkeit in der Aussage zu tun hat. Bobrowski versteht sich als ein engagierter Schriftsteller, »auch wenn«, wie er in einem Interview sagt, »manche Leute eine etwas kurzsichtigere Auffassung von Engagement haben«. Es geht ihm in »Le[v]ins Mühle« – wie bereits in den schmalen Gedichtbänden »[S]armatische Zeit« (1961) und »Schattenland S[t]röme« (1963) um sein Thema: Das Verhältnis der Deutschen zu ihren östlichen Nachbarn, »eine lange Geschichte aus Unglück und Verschuldung, die meinem Volke zu Buche steht.« Er möchte Vorurteile und Ressentiments abbauen, nicht durch Propagierung von Ansichten und Thesen, sondern indem er Geschichten erzählt.
Die Geschichte, die er in »Le[v]ins Mühle« erzählt – wie sein Großvater, der reiche Mühlenbesitzer, die Mühle seines jüdischen Konkurrenten Le[v]in wegspült und danach seinen ganzen gesellschaftlichen Einfluß aufbietet, um den gegen ihn angestrengten Prozeß niederzuschlagen, am Ende aber doch als der moralische Verlierer dasteht –, will er als eine Modellgeschichte verstanden wissen: »Daß der Schurke in meiner Erzählung ein Deutscher ist, und ich mich gezwungen sehe, ihn meinen Großvater zu nennen, ist eben leider wahr, auch wenn es erfunden ist.«
Die Geschichte wird mit einem wunderbaren Humor erzählt, die dem Ernst des Problems durchaus nicht abträglich ist. Er findet sich auch in manchen Erzählungen Bobrowskis. »Ich bringe mit Vorliebe den Spaß in diese ernsthaften Geschichten«, sagt er in einem Interview, »und will damit so eine kleine Art Schocktherapie (erzielen). Ich möchte den Hörer und den Leser zu einem Gelächter kriegen und möchte dann durch den Fakt, den ich dahintersetze, bewirken, daß ihm das Lachen im Halse stecken bleibt.« (Vgl. z.B. die nachgelassene Erzählung »Der Mahner«, die vor dem heraufkommenden Faschismus zu Anfang der 30er Jahre warnt.)
Auf dem Hintergrund der jüngsten Entwicklung in Deutschland, bei der ein Rechtsextremismus mit seiner Ausländerfeindlichkeit und seinem Antisemitismus wieder an Einfluß gewinnt, gewinnen die Romane – neben Le[v]ins Mühle der posthum erschienene Roman »Litauische Claviere« – und Erzählungen Bobrowskis eine bestürzende Aktualität.
Bobrowski ist nur eine kurze Zeit für sein Wirken als Schriftsteller geblieben. Das Thema und vor allem der geographische Ort seiner Romane, Erzählungen und Gedichte waren lange Zeit »tabu« in der DDR-Literatur, so konnte er sie erst spät veröffentlichen. Ein Jahr nach dem Erscheinen seines ersten Romans ist Johannes Bobrowski an einem zu spät erkannten Blinddarmdurchbruch verstorben. Mit ihm hat die deutsche Literatur der Gegenwart einen ihrer wichtigsten Vertreter verloren.
Mit dem Werk Johannes Bobrowskis war ein Durchbruch in der Literatur der DDR erzielt und eine neue Entwicklung eingeleitet worden. Der Realismus des 19. Jahrhunderts war nicht mehr die dominierende Form der Prosaliteratur. Natürlich läßt sich nicht alles Neue in der Literatur der DDR von Johannes Bobrowski herleiten; andere haben unabhängig von ihm zur gleichen Zeit neue Wege beschritten, u.a. wäre hier Hermann Kant (Jg. 1926) zu nennen und sein erster Roman »Die Aula« (1965), der seinerzeit vermutlich einen größeren Leserkreis erreichte als »Le[v]ins Mühle«.
Mit der neuen Form war auch ein neuer Inhalt verbunden: Es ging nicht mehr ausschließlich um gesellschaftliche Veränderungen, das Individuum rückte in den Mittelpunkt der Erzählung, wenn auch hineingestellt in größere gesellschaftliche Zusammenhänge. Die »Helden« sind auch nicht mehr vorrangig Arbeiter und Bauern – wie bei Erik Neutzsch und in den frühen Romanen Erwin Strittmatters –, sondern die sogen. Intellektuellen – Schriftsteller, Journalisten, Lehrer –, und es sind auch durchaus keine »positiven Helden«, sondern Menschen mit ihren persönlichen Konflikten, Fehlern und Unzulänglichkeiten.
Das Jahr 1968, mit dem sich der Studentenaufstand in Westeuropa und die Niederschlagung des Prager Frühlings verbindet, ist für mich durch drei bemerkenswerte Erscheinungen auf dem Büchermarkt in Erinnerung geblieben: Werner Heiduczek (Jg. 1926), »Abschied von den Engeln«, Günter de Bruyn (Jg. 1926) »Buridans Esel«, und besonders Christa Wolf (Jg. 1929) »Nachdenken über Christa T.«. Ausgehend von diesen Büchern will ich versuchen, die Entwicklung ihrer Autoren bis in die 70er bzw. 80er Jahre hinein zu verfolgen und an ihrem Beispiel bestimmte Entwicklungslinien in der DDR-Literatur aufzuzeigen.
3. Werner Heiduczek
In seinem ersten großen Roman »Abschied von den Engeln« werden am Beispiel einer Familie auf sehr differenzierte und bis dahin ungewöhnliche Weise die Auseinandersetzung zwischen Christentum und Marxismus, die Ost-West-Problematik und die Probleme junger Menschen im geteilten Deutschland dargestellt. »Abschied von den Engeln« das bedeutet ein Sich-Lösen von illusionären Denkvorstellungen und Gewohnheiten, und das gilt für Vertreter beider Gesellschaftsordnungen und Weltanschauungen. In einer Szene des Buches wird ein Brückenschlag gegenseitigen Verstehens zwischen Christen und Marxisten versucht, als der katholische Theologieprofessor Max Marula den Kommunisten und Atheisten Westphal im Gefängnis besucht. »Diese Problematik«, schreibt Werner Heiduczek, »gehört in den Bereich meines Grunderlebnisses, aus dem heraus ich eigentlich immer wieder schreibe.« (W. H. ist katholisch erzogen und versteht sich heute als Atheist. – Der Roman enthält eine Reihe autobiographischer Bezüge – wie auch der 1977 erschienene Roman »Tod am Meer« –, ohne daß man Werner Heiduczek mit einer seiner Romangestalten identifizieren könnte.
In »Tod am Meer« erinnert sich der Schriftsteller Jablonski unter der existentiellen Erfahrung unmittelbarer Todesnähe an einzelne Begebenheiten seines Lebens. Ihm wird sein schuldhaftes Versagen in der Begegnung mit anderen Menschen bewußt. Er möchte noch einmal neu beginnen und weiß doch, daß ihm dazu keine Zeit bleibt. »Der Tod ist exakt.« – Der Roman erzeugt Betroffenheit durch die Konsequenz, mit der die Wahrheitsfrage gestellt wird, die Frage nach der persönlichen Schuld und der Möglichkeit der Umkehr – auch dies eine zutiefst religiöse Frage im Werk eines atheistischen Schriftstellers.
Werner Heiduczek hat dieses Thema noch einmal in zugespitzter Form in der Novelle »Die Reise nach Beirut« (1986) aufgenommen. Auch hier erinnert sich ein Mann, ein erfolgreicher westdeutscher Journalist, im Angesicht des Todes bruchstückhaft an sein Leben, das geprägt war durch einen tiefen unversöhnlichen Konflikt mit dem einst geliebten Vater und dem Staat, in dem er aufgewachsen und aus dem er in das andere Deutschland geflohen war – zuletzt in den eigenen Tod. Die Sprache Werner Heiduczeks ist knapper, prägnanter und eindringlicher geworden, der Konflikt novellistisch zugespitzt. Krankheit und Tod – auch dies sind Themen, denen sich die DDR-Literatur erst seit den 60er Jahren zuwendet. Für die frühe DDR-Literatur waren sie »tabu«, unvereinbar mit einem optimistischen Weltverständnis.
4. Günter de Bruyn
Wie Werner Heiduczek ist Günter de Bruyn in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen. (1992 erschien beim S. Fischer Verlag der erste Band seiner Autobiographie »Zwischenbilanz. Eine Jugend in Berlin«.) In seinem Roman »Buridans Esel« schildert er einen klassischen Dreieckskonflikt: Karl Erp, vierzigjährig, Bibliothekarsleiter und Genosse, erkennt, daß er ein bequemes, gutbürgerliches Leben führt mit herkömmlicher Rollenteilung, in dem ihm die Ideale seiner Jugend abhanden gekommen sind. Er glaubt, sie mit der jungen, intellektuellen Praktikantin verwirklichen zu können. Aber er ist den Anforderungen eines Lebens im Berliner Hinterhaus nicht gewachsen und kehrt als moralischer Versager zu Frau und Kindern zurück.
Günter de Bruyn gruppiert eine Vielzahl von Personen um diese drei Menschen – Mitarbeiter, Funktionäre, Hausbewohner –, durch deren Schicksale ein ganzes Zeit- und Gesellschaftspa[n]orama entworfen wird. Manche Figuren bleiben dabei blaß und schemenhaft. Wichtig an der Darstellung des Konflikts erscheint mir, daß die Rückkehr Karl Erps zu seiner Familie nicht aus moralischer Einsicht erfolgt, sondern Ausdruck seines moralischen Versagens ist. Beide Frauen sind ihm im Grunde überlegen, und er wird an beiden schuldig, ohne sich dessen wirklich bewußt zu sein.
In den beiden Kurzromanen »Märkische Forschungen« (1978) und »Neue Herrlichkeit« (1984) – so heißt ein Erholungsheim des Ministeriums – verzichtet Günter de Bruyn einerseits darauf, ein Gesellschafts- und Zeitbild zu entwerfen, und spitzt den Konflikt andererseits so zu, daß im Persönlichen das Allgemeine sichtbar wird.
In »Märkische Forschungen« attackiert er vor allem mit fast satirischen Mitteln den Wissenschaftsbetrieb in der DDR: Der eloquente und allerseits verehrte, aber despotisch regierende Professor der Literaturwissenschaft unterdrückt die exakten Forschungen des einfachen Dorfschullehrers, weil sie sein eigenes, von ideologischen Vorgaben geprägtes wissenschaftliches Werk in Frage stellen. Auch der Held in de Bruyns letztem Roman »Neue Herrlichkeit« ist alles andere als ein »positiver Held«. Auch er ist ein Versager, sowohl in seiner wissenschaftlichen Arbeit als auch in seinem Verhalten dem Mädchen gegenüber, das ihn liebt und das er zu lieben meint. Er paßt sich an, und er wird Karriere machen, nicht aufgrund eigener Verdienste, sondern weil er der Sohn eines hohen Funktionärs der DDR ist. – Dieser Roman ist vielleicht die schärfste Kritik, die de Bruyn am System der DDR übt, aber sie weist – wie »Märkische Forschungen« – auch über dieses System hinaus ins Allgemeingültige. Privilegien und menschliches Versagen gibt es auch in anderen Gesellschaftssystemen, wie es die Unterdrückung von Forschungsergebnissen gibt, die eigene Erkenntnisse in Frage stellen.
5. Christa Wolf
Aufsehen hatte sie bereits durch ihren 1963 erschienen ersten Roman »Der geteilte Himmel« erregt, indem sie die Problematik des geteilten Deutschland am Schicksal eines jungen Paares deutlich macht. Die junge Frau entscheidet sich in dem Roman zwar schließlich gegen ihren Freund und für das Verbleiben in der DDR, aber sie hat sich diese Entscheidung, die durch den Mauerbau endgültig wird, nicht leicht gemacht.
1968 erschien nach großen Schwierigkeiten mit dem Amt für Literatur- und Verlagswesen Christa Wolfs zweiter Roman »Nachdenken über Christa T.«. Das Thema des Romans wie die Art und Weise seiner Gestaltung ist bereits in den beiden ersten Sätzen vorgegeben. »Nachdenken, ihr nachdenken. Dem Versuch, man selbst zu sein.« Der Roman setzt sich zusammen aus Erinnerungen und Reflexionen, »in denen die konkreten Episoden wie Inselchen schwimmen.« Auf diese Weise entsteht ein dichtes Gebilde aus Handlung und Reflexion, mit dem es ihr gelingt, die Persönlichkeit dieser Christa T. in ihrer unverwechselbaren Einmaligkeit und in ihrer Widersprüchlichkeit zu erfassen. Das führt zu einer subjektiven Darstellung auch der gesellschaftlichen Situation, für die Christa Wolf scharf kritisiert worden ist. Sie selbst spricht in Bezug auf die Art ihrer Darstellung von »subjektiver Authentizität«. Christa T. ist bis zu ihrem frühen Tod auf der Suche nach dem ihr eigenen Platz in der Gesellschaft, zu der sie sich immer wieder, auch wenn sie auf Übereinstimmung aus ist, in Widerspruch befindet. In Opportunismus und Anpassung erkennt sie gefährliche Tendenzen in der Entwicklung unserer Gesellschaft. Sie möchte Gewissen und Phantasie wachhalten und entfalten, weil sie für den Fortbestand der Menschheit unentbehrlich sind. Auch wenn die Ich-Erzählerin nicht unbedingt mit der Autorin identisch ist, so sind doch Christa Wolfs eigene Erfahrungen, vor allem aus ihrer Studentenzeit, in die Darstellung eingegangen.
Die enge Verbindung von Handlung und Reflexion, die den Roman auszeichnet, findet sich verstärkt in dem 1976 erschienenen Buch »Kindheitsmuster«, in dem Christa Wolf den Spuren ihrer Kindheit in der Zeit des dritten Reiches nachgeht und diese Darstellung mit Überlegungen zu ihrer Situation als Schriftstellerin in ihrer Zeit und Gesellschaft verbindet. Sie erzählt also nicht nur die Geschichte ihrer Kindheit, sondern sie reflektiert das Erzählte wie den Vorgang des Erzählens selbst und stellt auf diese Weise einen deutlichen Gegenwartsbezug her. Die verschiedenen Erzählebenen sind eng miteinander verknüpft, sie gehen zum Teil unmittelbar ineinander über, was beim Leser ein intensives Mitdenken erfordert. Der komplizierte Aufbau des Romans ist im Bemühen der Autorin begründet, wenigstens annäherungsweise eine literarische Struktur für die Vielschichtigkeit unseres Lebens und Erlebens zu finden. Ein Problem, das sie im Zusammenhang mit den Vorarbeiten zu ihrer Erzählung »Kassandra« erneut beschäftigen wird.
In »Kindheitsmuster« verfolgt Christa Wolf eine doppelte Intention: sie möchte sich einerseits schreibend befreien von den Ängsten und Zwängen, die latend in ihr und, so fürchtet sie, in vielen Menschen ihrer Generation vorhanden sind – dazu gehört die Angst vor »Autoritäten« ebenso wie das Gefühl, ohnehin nichts gegen eine bestimmte Entwicklung tun zu können – und sie möchte andererseits einer nachfolgenden Generation den gewöhnlichen Alltag in der Zeit des dritten Reiches vor Augen führen.
Ein Buch wie »Kindheitsmuster« kann die Vergangenheit nicht bewältigen, aber es kann – wie Christa Wolf es nennt – »Ablagerungen« in uns in Bewegung setzen, unser Verhalten sensibilisieren, das Vergessen schwieriger machen. Und das erscheint mir in unserer Gegenwart mindestens ebenso dringlich notwendig zu sein wie zur Zeit der Entstehung dieses Buches. (Vgl. zu diesem Roman meinen Beitrag in »Die Christenlehre« 32. Jg. 1979, H. 7, S. 213ff.: »Zwischen Selbstgespräch und Anrede«).
Auf weitere Werke Christa Wolfs möchte ich in anderem Zusammenhang eingehen und mich zunächst zwei Autoren zuwenden, deren erste Veröffentlichungen ebenfalls Ende der 60er Jahre erfolgt sind: Jurek Becker (Jg. 1937) und Günter Kunert (Jg. 1929).
6. Jurek Becker
1969 erschien sein erster Roman »Jakob der Lügner«, der durch die Verfilmung einem größeren Kreis bekannt geworden ist. Für mich zählt er zu den eindrücklichsten Büchern Jurek Beckers.
Die Geschichte, die er hier erzählt, ereignet sich in einem jüdischen Ghetto während des zweiten Weltkriegs. Dem einfachen Juden Jakob Heym gelingt es nur durch das »Wort« ein Stück Hoffnung aufzurichten, – wenn man das Ende betrachtet, eine trügerische Hoffnung –, aber doch eine Hoffnung, die seinen Leidensgefährten Mut zum Weiterleben gegeben hat, die ihnen geholfen hat, dieses Leben zu bestehen. Die Geschichte endet tragisch mit dem Abtransport ins Vernichtungslager, aber sie erscheint trotzdem nicht sinnlos. Jurek Becker läßt einen Überlebenden diese Geschichte aus der Erinnerung erzählen und schafft damit eine gewisse Distanz zu dem Geschehen, die es erträglich macht, ebenso wie die Züge von Humor, die die Geschichte trotz aller Tragik durchziehen und die an die Erzählweise jiddischer Erzähler erinnert. Jurek Becker läßt seinen Erzähler verschiedene Möglichkeiten für den Schluß der Geschichte »durchspielen«, die versöhnlicher sind, bevor er ihn das »wirkliche bittere Ende der Geschichte erzählen läßt. »Jakob der Lügner« ist ein zutiefst menschliches Buch, das die Möglichkeiten des Menschseins in einer unmenschlichen Umwelt aufzeigt, und es behandelt sein Thema auf eine bis dahin ungewöhnliche Weise.
Jurek Becker ist selbst Jude und hat einen Teil seiner Kindheit in Ghetto und Lager verbracht. Er hat in diesem Buch also eigene Erfahrungen »verdichtet«. – Das Schicksal der Juden, die das Lager überlebt haben und nun versuchen müssen, mit dieser Erinnerung zu leben, hat Jurek Becker noch in zwei weiteren Romanen geschildert – »Der Boxer« (1976) und »Bronsteins Kinder« (1987) –, auf die an dieser Stelle aber nur hingewiesen werden soll.
Neben dieser Aufarbeitung jüdischer Leidensgeschichte geht es in den Romanen Jurek Beckers um die Probleme von Intellektuellen in dieser Zeit und Gesellschaft. In »Irreführung der Behörden« (1972) wird einem Schriftsteller deutlich, daß er nicht das schreibt, was er denkt, sondern was von ihm erwartet wird, daß er die »Behörden« also im Unklaren über sich gelassen, daß er sie »irregeführt« hat. Dieser Roman reflektiert vielleicht am deutlichsten seine Situation als Schriftsteller in der DDR.
Seinen Roman »Schlaflose Tage« konnte er nicht mehr in der DDR veröffentlichen. Er ist 1978 beim Suhrkamp Verlag erschienen. In diesem Roman erzählt er die Geschichte eines Lehrers, dem plötzlich aufgeht, daß er ein angepaßtes Leben führt und der aus diesem Leben ausbricht, um zu sich selbst zu finden. Er verläßt die Frau, mit der ihn nur noch Gewohnheit verbindet, und er wird schließlich aus dem Schuldienst entlassen, weil er seine Schüler nicht zu bloß funktionierenden und angepaßten Menschen erziehen will. Dieses Buch übt eine scharfe Kritik am Schulsystem der DDR und durfte folgerichtig nicht hier erscheinen. Den Roman »Aller Welt Freund« (1983), der das Schicksal eines Journalisten in der westdeutschen Gesellschaft schildert, konnte Jurek Becker paradoxerweise dann wiederum in der DDR veröffentlichen.
Mit seinem letzten 1992 erschienenen Roman »Amanda herzlos« ist er noch einmal in das DDR-Milieu zurückgekehrt. Aus unterschiedlichen Perspektiven schildert er die Situation der 80er Jahre in der DDR. Ein interessantes und amüsant geschriebenes Buch, das aber den Rahmen dieses Beitrags sprengt.
7. Günter Kunert
Günter Kunert hat Gedichte und vorwiegend kurze Prosatexte geschrieben – »Kramen in Fächern« (1968) und »Die geheime Bibliothek« (1973) –, die auf verfremdende und groteske Weise Situationen beschreiben und beim Leser Erkenntnis und Veränderung bewirken wollen. Seine Art zu schreiben, läßt sich mit keiner der bisher besprochenen Autoren vergleichen. Am ehesten könnte man seine Prosatexte als Parabeln bezeichnen, mit denen er versucht, sowohl Vergangenheit aufzuarbeiten als auch vor gegenwärtigen und künftigen Gefahren zu warnen. In dem »Sintflut« überschriebenen kurzen Text schildert er die Vernichtung der Menschheit durch eine Umweltkatastrophe, deren Ausmaße die Verantwortlichen aber bis zum Schluß zu vertuschen bemüht sind.
Günter Kunert ist Moralist, der aber durch die Entwicklung – nicht nur in der DDR – mehr und mehr resigniert. In seinen späten Texten zeigt er Gefahren auf, ohne Hoffnung, sie damit verhindern zu können. Ende der 70er Jahre hat Günter Kunert die DDR verlassen. Seine späteren Arbeiten sind nicht mehr hier erschienen.
III. Aspekte der DDR-Literatur in den 70er und 80er Jahren
1. Märchenhaft-phantastische Elemente und die Adaption biblischer Stoffe
Der starre Realismusbegriff, der bereits in der Literatur der 60er Jahre aufgesprengt worden war, erfuhr nun in den 70er und 80er Jahren eine Erweiterung durch die Aufnahme märchenhaft-phantastischer Elemente in die Literatur. Genaugenommen handelte es sich um eine Wiederentdeckung verschütteter Möglichkeiten des Realismus.
Erstaunlicherweise war es Anna Seghers – erstaunlich vielleicht nur für diejenigen, die ihre frühen Erzählungen, u.a. »Der Ausflug der toten Mädchen« nicht kannten –, die als Vertreterin des »Sozialistischen Realismus« galt, die in ihren späten Erzählungen »Sonderbare Begegnungen« (1973) diese Möglichkeiten nutzt, die in der DDR-Literatur der 50er Jahre verpönt waren.
Bei Irmtraud Morgner (1933–1990) ist das Märchenhaft-Phantastische integrierter Bestandteil ihres Werkes. Vor allem in ihren beiden umfangreichen Romanen »Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura« (1974) und »Amanda. Ein Hexenroman« (1983) – den dritten Band dieser Romantriologie konnte sie nicht mehr vollenden – verbinden sich märchenhaft-phantastische Elemente und Traumerzählungen mit Ereignissen gegenwärtiger Wirklichkeit. Gegenwart und Vergangenheit werden zueinander in Beziehung gesetzt, fiktive Geschichten mit Zeitungsmeldungen, Gesetzesvorlagen, Forschungsberichten und politischen Traktaten verknüpft. Sie nutzt diese unterschiedlichen Stilmittel zur literarischen Umsetzung ihres zentralen Anliegens, der Erlangung der vollen sittlichen Gleichberechtigung der Frau, die sie auch in der DDR trotz entsprechender Gesetze nicht verwirklicht sieht.
Jurij Brezan (Jg. 1916) verwendet in seinem Roman »Krabat oder Die Verwandlung der Welt« (1976) märchenhafte und biblische Motive, Parabeln und Symbolgeschichten, um eine Antwort zu finden auf die Frage nach den Möglichkeiten und Voraussetzungen wahren Menschseins und den Ursachen für die Unvollkommenheit der Welt. Er kommt dabei zu einer dialektischen Aussage. Nicht nur die Verhältnisse hindern den Menschen daran, wirklich Mensch zu sein; der Mensch ist seinem Wesen nach ambivalent, Gut und Böse sind auch im Menschen selbst nicht zu trennen. Einen vollkommenen Zustand zu erreichen ist also nicht möglich. Jurij Brezan bescheidet sich am Ende seines Romans wie seine Romanfigur, der Biogenetiker Jan Serbin, der auf die Anwendung seiner Formel zur Veränderung des Menschen verzichtet und das Menschsein in seiner Bedingtheit und Unvollkommenheit auf sich nimmt und damit zugleich seine Verantwortung für diese Welt.
Mit dieser Aussage stößt Jurij Brezan in philosophische Bereiche vor, in denen Wesentliches über den Menschen ausgesagt wird, was durchaus im Widerspruch zur herrschenden marxistischen Ideologie stand. Die Verwendung märchenhafter Motive, Parabeln und Symbolgeschichten hat also eine ganz bestimmte Erkenntnisfunktion.
In diesem Zusammenhang ist auch die Adaption biblischer Stoffe in der DDR-Literatur zu sehen. Anfang 1973 erschien in einem Vorabdruck in »Sinn und Form. Beiträge zur Literaturgeschichte« die Komödie »Adam und Eva« von Peter Hacks (Jg. 1928). In seinem ausführlichen Nachwort schreibt Peter Hacks: »Die Wissenschaft weiß nicht alles. Und dort, wo sie weiß, taugt sie noch längst nicht für die Kunst ... Die moderne Kunst bedient sich wieder der großen Bilder. Große Bilder neu zu erfinden, hat seine Schwierigkeiten ... Die moderne Kunst, folglich, bedient sich überkommener Bilder, meist deren der Griechen. Aber die der Christen sind besser erinnert. Leisten sie weniger?«
Das »große Bild vom Sündenfall« zeigt für Peter Hacks die Undenkbarkeit eines vollkommenen Zustandes, der ja mit Denknotwendigkeit sein Gegenteil enthalten müßte. »Die Freiheit zum Guten«, so macht das Bild vom Sündenfall deutlich, »kann von der zum Bösen nicht getrennt werden; Freiheit ist die Möglichkeit, einen Weltzustand um eines neueren willen zu verlassen.«
Auch dieses Beharren auf der dem Menschen gegebenen Freiheit der Entscheidung enthielt gesellschaftlichen Sprengstoff. Am Beispiel dieses Stückes wird deutlich, welche Möglichkeiten der Literatur zur Sensibilisierung des Bewußtseins für eine notwendige gesellschaftliche Veränderung gegeben waren. (Zu Peter Hacks und Jurij Brezan vgl. meinen Beitrag in »Die Christenlehre« 31. Jg. 1978, H. 1, S. 11ff. »Die Menschwerdung des Menschen«.)
In gänzlich anderer Weise hat Stefan Heym (Jg. 1913) die Aufnahme und Neugestaltung eines biblischen Stoffes für seine literarische Aussage genutzt. In seinem 1974 erschienenen Roman »Der König-David-Bericht« macht er originellerweise die Schwierigkeiten der Text- und Überlieferungsgeschichte des biblischen Textes zum Ausgangspunkt seiner Romanhandlung. Er erfindet hierzu die Gestalt des Historikers und Redaktors Ethan ben Hoshaja, der im Auftrag einer Kommission am Hofe König Salomos aus den verschiedenen Überlieferungen über das Leben König Davids einen einheitlichen Bericht herstellen soll mit dem Ziel, das Leben König Davids und seine historischen Verdienste zu würdigen.
Bei der Durchführung seines Auftrags verfängt Ethan sich in den Widersprüchen der verschiedenen Überlieferungen. Seine Aufgabe soll es sein, »die Dinge so zu berichten, daß das Denken des Lesers in die richtigen Bahnen gelenkt wird«; ihn packt jedoch die Leidenschaft der Wahrheitsfindung. Ethan ist kein mutiger Mensch, er möchte sein Leben nicht aufs Spiel setzen; und so zerreibt er sich in dem Konflikt zwischen Wahrheitssuche und dem Bemühen, den Erwartungen des Königs und seiner Kommission gerecht zu werden. Der Widerspruch, in den er dabei gerät, bringt ihn schließlich zu Fall: Er wird des Hochverrats angeklagt und zum Tode verurteilt, von König Salomo jedoch zum »geistigen Tod begnadigt«: Er und sein Werk sollen zu Tode geschwiegen werden. Stefan Heym geht es in seinem Roman nicht um eine Darstellung der Zeit König Salomos – es ist ihm unsinnigerweise vorgeworfen worden, daß er diese verfehlt habe! –, sondern es geht ihm um die Rolle des Intellektuellen in einem totalitären Staat, um die schwierige Gratwanderung zwischen Wahrheitsfindung und Anpassung. Darin liegt die eigentliche Brisanz dieses Romans, eines der wenigen Bücher, die von Stefan Heym in der DDR erscheinen konnten. (»Ahasver« und »Fünf Tage im Juni« sind noch kurz vor dem Ende der DDR erschienen, obwohl gerade der Roman um die Ereignisse des 17. Juni zur Selbstverständigung wichtig gewesen wäre!) »Der König-David-Bericht« verdankt sein Erscheinen wohl der »List« des Verlags und seines Lektors, der den Roman auf dem Klappentext als »genaues Bild einer Despotie in der Frühzeit der Ausbeuterherrschaft« bezeichnet hat, der jedoch »eine für alle geschichtlichen Formen der Unterdrückung des Volkes aussagefähige und damit hochaktuelle Dimension gewinnt.«
Die erste Hälfte der 70er Jahre war eine Zeit relativer Freiheit für die Literatur, in der sie verschiedene Möglichkeiten erproben konnte. Das Jahr 1976 bildet eine Zäsur: Der Protest zahlreicher Schriftsteller gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns hatte deren Ausgrenzung und Observierung zur Folge, was viele von ihnen veranlaßte, die DDR für immer oder zeitweilig zu verlassen.
2. Hinwendung zum Essayistischen
Hier möchte ich besonders Franz Fühmann und Christa Wolf erwähnen.
Franz Fühmann (1922–1984) war seit Mitte der 50er Jahre zunächst mit Erzählungen hervorgetreten, in denen er seine Kindheitserfahrungen in Böhmen (Der Jongleur im Kino, Böhmen am Meer) und seine Erfahrungen als Soldat des zweiten Weltkriegs (Kameraden, König Ödipus) literarisch zu bewältigen sucht. Dem Künstler Ernst Barlach sind seine sprachlich dichte Novelle »Barlach in Güstrow« und die Herausgabe des Bandes »Das Wirkliche und Wahrhaftige« gewidmet. Seit den 60er Jahren hat Fühmann u.a. die Welt mit griechischen Sagen und Mythen (Das hölzerne Pferd, Prometheus) für Kinder neu erzählt.
1974 erschien sein literarisches Tagebuch einer Ungarnreise »Zweiundzwanzig Tage oder die Hälfte des Lebens«, in dem er sich Rechenschaft gibt über sein bisheriges Schaffen als Schriftsteller. Drei Jahre später erscheint der erste Essay-Band »Erfahrungen und Widersprüche. Versuche über Literatur«, in dessen Mittelpunkt der wichtige, aus einem Vortrag vor Berliner Germanistikstudenten hervorgegangene Aufsatz »Über das Mythische in der Literatur« steht. Spätere »Versuche« sind dem romantischen Dichter E. T. A. Hoffmann und ein letzter großer Essay dem Lyriker Georg Trakl (1887–1914) gewidmet: »Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht.« (1982) Dieser umfangreiche Essay stellt eine großartige existentielle Auseinandersetzung mit dem Werk dieses frühexpressionistischen Dichters dar, der zu Anfang des ersten Weltkriegs gefallen ist. Im selben Jahr entstand die einfühlsame Einleitung zu dem Fotozyklus geistig Behinderter von Dietmar Riemann: »Was für eine Insel in was für einem Meer. Leben mit geistig Behinderten.« Sein Beitrag ist keine Kommentierung der Fotografien Riemanns, sondern spiegelt seine eigenen Erfahrungen im Umgang mit geistig Behinderten wider. Fühmann war seit Ende der 70er Jahre oft zu Gast in den von der Ev. Kirche getragenen Samariteranstalten und hatte vielfältige Beziehungen zu deren Bewohnern geknüpft.
Fühmanns letzte Lebenszeit war überschattet durch Krankheit und Resignation über die stagnierende Entwicklung in der DDR.
Christa Wolf hat die Entstehung ihrer Romane und Erzählungen stets kritisch reflektiert und essayistisch begleitet. Dem – »Nachdenken über Christa T[.]« korrespondiert ihr Essay »Lesen und Schreiben« und das »Selbstinterview«; im »Kindheitsmuster« hat sie diese kritischen Überlegungen unmittelbar in die Romanhandlung einbezogen. In der zweiten Hälfte der 70er Jahre hat Christa Wolf sich intensiv mit der deutschen Romantik auseinandergesetzt, in einer Zeit, in der sie unter den Repressionen auf ihren Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung sich wie gelähmt zu eigener literarischer Arbeit fühlte. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung ist die ausführliche Einleitung zu einer Werkausgabe der fast in Vergessenheit geratenen romantischen Dichterin Caroline v. Günderode und die 1978 erschienene Erzählung »Kein Ort. Nirgends«, in deren Mittelpunkt eine fiktive Begegnung zwischen Caroline v. Günderode und Heinrich v. Kleist steht. Beide haben an sich wie an ihrer Zeit und Gesellschaft gelitten, beider Leben endete mit dem Freitod. Diese Hinwendung zur deutschen Romantik, die die innere Zerrissenheit des Menschen widerspiegelt und die Nachtseiten der menschlichen Existenz betont, ist in gewissem Sinn symptomatisch für die Zeit der späten 70er Jahre. Von der offiziellen Kulturpolitik vor allem der 50er Jahre war die deutsche Romantik ignoriert, bzw. als reaktionär bekämpft worden. Als bewahrenswertes »nationales Kulturerbe« galt zunächst ausschließlich die deutsche Klassik und der kritische Realismus im 19. Jh.
1983 erschien Christa Wolfs Erzählung »Kassandra«. Der Erzählung sind vier Vorlesungen vorangestellt, die sie als Poetik-Vorlesungen in Frankfurt/M. gehalten hat und die sie »Voraussetzungen einer Erzählung« nennt. Voraussetzung in dem doppelten Wortsinn als Schreibanlaß und literarisch-gedankliche Vorarbeit.
In »Kassandra« greift Christa Wolf Fragestellungen auf, die sie schon in früheren Werken – in »Nachdenken über Christa T.« und besonders in »Kein Ort. Nirgends« – beschäftigt haben: Die Frage nach der Selbstverwirklichung als Frau und Dichterin in einer vom Mann und seinen Denkstrukturen geprägten Zeit und Gesellschaft, und die Frage nach den Möglichkeiten der Einflußnahme des einzelnen in seiner Gesellschaft. Eine besondere Zuspitzung erfährt diese Fragestellung zu Anfang der 80er Jahre durch das scheinbar ausweglose Dilemma, in dem sich die gesamte Menschheit durch die atomare Bedrohung und die ökologische Krise befindet. Christa Wolf sieht einen Zusammenhang zwischen diesem Dilemma und den patriarchalischen Grundstrukturen der Gesellschaft. In der 3. Vorlesung, dem sogen. Arbeitstagebuch, setzt sie sich kritisch mit dieser aktuellen politischen Situation auseinander.
Was kann der einzelne angesichts dieser Situation tun? – Läßt sich überhaupt durch »Worte» etwas ausrichten? – Wie kann man sinnvoll leben angesichts einer möglichen Katastrophe? – Das sind die Fragen, die sie umtreiben, und auf die sie eine Antwort sucht. In der Gestalt der antiken Seherin Kassandra, die vergeblich vor dem unglücklichen Ausgang der trojanischen Kriege gewarnt hat, und als Unglücksprophetin in die Geschichte eingegangen ist, findet sie gleichsam die »poetische Idee«, in der sie diese Fragestellungen »verdichten« kann.
In den »Voraussetzungen einer Erzählung« hat Christa Wolf versucht, den Weg nachzuzeichnen, den das Stichwort »Kassandra« sie geführt hat. Was bei der »Verfolgung der Spur Kassandras« herausgekommen ist, ist nach Christa Wolfs eigenen Worten eher einem »Gewebe« vergleichbar. Der Begriff des »Gewebes« scheint mir so etwas wie ein Schlüsselbegriff für die Art ihres Schreibens zu sein. Sie ist auf der Suche nach einer offenen Form des künstlerischen Ausdrucks, der die Ganzheitlichkeit unser[e]s Erlebens, Denkens und Fühlens besser zum Ausdruck bringt. (Im »Kindheitsmuster« heißt es an einer Stelle: »Im Idealfall sollten die Strukturen des Erlebens sich mit den Strukturen des Erzählens decken« S. 354.) Der Begriff des »Gewebes« (textum) scheint das, was sie anstrebt, am ehesten auszudrücken.
Dem entspricht auch die Art der Darstellung in der Erzählung »Kassandra«. Als Gefangene vor dem Tod des Palastes in Mykene stehend, erinnert sich Kassandra an einzelne Ereignisse und Begegnungen ihres Lebens. Dieser Ausgangspunkt ermöglicht – ähnlich wie in »Nachdenken über Christa T.« – eine subjektive Sicht der Ereignisse und eine assoziative Erzählweise.
Christa Wolf identifiziert sich fast vollständig mit der Gestalt der Kassandra. In ihr erkennt sie ihre eigene Situation als Frau und Dichterin in ihrer Zeit, in deren allmählichem Ablösungsprozeß von den »Herrschenden« in Troja schildert sie in verschlüsselter Form ihren eigenen mühsamen Erkenntnis- und Ablösungsprozeß von den »Herrschenden« ihrer Gesellschaft.
Kassandra gewinnt im Laufe ihrer Entwicklung allmählich Autonomie und die Fähigkeit, ihren Platz in dem verhängnisvollen Geschehen selbst zu bestimmen, auch wenn sie dessen Ablauf – entgegen ihrer ursprünglichen Intention – nicht zu beeinflussen vermag. Damit hat Christa Wolf den antiken Mythos unter einem modernen Gesichtspunkt neu gedeutet. Diese Ermutigung zu einem selbstbestimmten, sinnvollen Leben war hilfreich in der Situation, in der dieses Buch erschien; wie denn die Tatsache, daß es überhaupt geschrieben wurde, trotz aller resignativen Töne, ein Zeichen dafür war, daß Christa Wolf dem »Wort« noch etwas zutraut. In diesem Sinn ist wohl auch das Zitat Thomas Manns zu verstehen: »Und doch ein Werk, und sei es eines der Verzweiflung, kann immer nur den Optimismus, den Glauben ans Leben zur letzten Substanz haben – wie es ja mit der Verzweiflung eine besondere Sache ist: sie trägt die Transzendenz zur Hoffnung schon in sich selbst.« (S. 134)
3. Selbstverwirklichung der Frau
Die Frage nach der Selbstverwirklichung der Frau, die im Werk Christa Wolfs und Irmtraud Morgners angesprochen wird, bestimmt auch andere von Frauen geschriebene Romane und Erzählungen der 70er und 80er Jahre. Hier möchte ich besonders an Helga Schütz (Jg. 1937), Brigitte Reimann (Jg. 1933), Maxie Wander (Jg. 1933) und Helga Königsdorf (Jg. 1936) erinnern.
In dem Roman »Julia oder Erziehung zum Chorgesang« (1980) von Helga Schütz bricht die 38jährige Julia aus einem wohlgeordneten und sehr komfortablen Leben aus – ihr Mann ist Herzspezialist, sie selbst Mitglied eines berühmten Chores –, um herauszufinden, »was sie selber von den Dingen hält«. Helga Schütz erzählt die Geschichte dieser Julia – in der Mitte des Romans wechselt sie von der dritten in die erste Person – in assoziativer Weise, wobei nicht alle Assoziationen sich dem Leser unmittelbar erschließen. Um zu sich selbst zu finden, muß Julia sich kritisch mit ihrer Umwelt und ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen. Aus einzelnen vergangenen und gegenwärtigen Begebenheiten setzt sich für den Leser bruchstückhaft das Leben dieser Julia zusammen, wird eine ganze Zeit lebendig, nicht in ihrer Totalität, sondern ausschließlich in ihrem Bezug auf Julias Leben. Kritische Fragen werden gestellt: nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, nach Konformismus und Konsumdenken in unserer Gesellschaft. Der Schluß des Buches bleibt offen. Die Suche nach einer Antwort auf die aufgeworfenen Fragen und Probleme bleibt dem Leser überlassen.
Brigitte Reimann hat ihren letzten großen Roman »Franziska Linkerhand« (1974) nicht mehr vollenden können. Sie ist 1973 mit 40 Jahren an Krebs gestorben. Franziska Linkerhand ist Architektin. Sie möchte einen Kompromiß finden zwischen der Notwendigkeit, möglichst viele Wohnungen mit möglichst geringem Kostenaufwand zu bauen und ihren Vorstellungen von einer menschenwürdigen Stadt, die ihren Bewohnern Kommunikation ermöglicht. Sie wird in ihrer Umgebung mit Trunksucht und Schlägereien konfrontiert, sie erfährt von Vergewaltigung und Selbstmord. Sie sieht darin die verheerenden Folgen eines nur an Zweckmäßigkeit orientierten Städtebaus. Es erscheint mir nicht zufällig, daß eine Frau diesen Anspruch auf eine menschenwürdige Stadt aufrechtzuerhalten sucht. Sie hat es schwer, diesem Anspruch unter ihren männlichen Kollegen auch nur Gehör zu verschaffen. Gesetze, die ihr gleiche Rechte sichern, garantieren noch nicht Anerkennung und Gleichwertigkeit. Da gelten noch andere Gesetze, die in einer von Männern beherrschten Welt gemacht worden sind. Dabei ist Franziska gar nicht kämpferisch und selbstsicher, auch sie hat eine starke Sehnsucht nach Geborgenheit und persönlichem Glück.
Maxie Wander – verheiratet mit dem jüdischen Schriftsteller Fred Wander (»Der siebte Brunnen«) – hat lange nach der ihr adäquaten Form des künstlerischen Ausdrucks gesucht. Sie hat ihn schließlich in den von ihr bearbeiteten Tonbandprotokollen gefunden, in denen sie ganz unterschiedliche Frauen interviewt und über ihre Einstellung zu Partnerschaft, Familie, Beruf und Gesellschaft befragt hat. Die von ihr befragten Frauen haben sehr offen und ehrlich geantwortet. Dieser Band ist 1977 unter dem Titel »Guten Morgen, du Schöne“ erschienen und hat seinerzeit eine starke Resonanz gefunden, weil viele Frauen sich in diesen Protokollen wiedergefunden haben. Maxie Wander hatte vor, ähnliche Tonbandaufzeichnungen von Gesprächen mit Männern zu machen, die sicher eine interessante Ergänzung des ersten Bandes gewesen wären. Es ist nicht mehr dazu gekommen. Maxie Wander ist mit 44 Jahren an Krebs gestorben. Wie sie mit dieser tödlichen Erkrankung und der Erfahrung der Todesnähe gelebt hat, davon geben ihre, von ihrem Mann herausgegebenen Briefe und Tagebücher ein bewegendes Zeugnis.
Auch in den z.T. phantastisch verfremdeten Erzählungen Helga Königsdorfs, die in drei Bänden vorliegen (»Meine ungehörigen Träume« 1978; »Der Lauf der Dinge« 1982, »Lichtverhältnisse« 1988), geht es um schwier[i]ge Partnerbeziehungen (»Das Krokodil im Haussee« u.a.) und die Rolle der Frau im Beruf. Aber auch mit der Situation in Wissenschaft und Forschung hat Helga Königsdorf, die von Haus aus Mathematikerin ist, sich in satirisch zugespitzten Erzählungen kritisch auseinandergesetzt (z.B. in »Kugelblitz«). Daneben finden sich auch Geschichten, die in sehr leisen, aber unüberhörbar kritischen Tönen vom Umgang der Menschen miteinander und der Einsamkeit alternder und sterbender Menschen erzählen (»Sachschaden«; »Der Rummelplatz« u.a.) In der umfangreichen Erzählung »Respektloser Umgang« (1989) setzt die Ich-Erzählerin, die durch Krankheit und den damit verbundenen Verfall der physischen und psychischen Kräfte aus ihrer wissenschaftlichen Arbeit gerissen wird, ihr eigenes Leben in Beziehung zu dem der Atomphysikerin Lise Meitner, die als Jüdin durch den Faschismus um den Ertrag ihrer wissenschaftlichen Arbeit gebracht wurde.
4. Die Situation junger Leute
Sie ist relativ selten in der für Erwachsene geschriebenen DDR-Literatur thematisiert worden. 1973 erschien der schmale Band »Die neuen Leiden des jungen W.« von Ulrich Plenzdorf (Jg. 1934), einem bis dahin nahezu unbekannten Autor, der seit 1963 als Szenarist bei der DEFA arbeitete (von ihm stammt das Szenarium zu dem seinerzeit vielbeachteten Film »Die Legende von Paul und Paula«). Die Wirkung des Buches vor allem auf junge Leser war nahezu sensationell und erklärt sich daraus, daß es dem 39jährigen Autor gelungen war, die Situation und den Sprachstil junger Menschen genau zu erfassen: Ihr Aufbegehren gegen ein verordnetes Leitbild und den damit verbundenen Anpassungsdruck, ihre uneingestandene Sensibilität, ihr Leiden an sich und der Gesellschaft. Die Geschichte wird von ihrem Ende her – dem Tod des 17jährigen Edgar Wibeau durch einen tragischen Unfall – in Form einer Recherche nach den Ursachen und Hintergründen seines Todes erzählt. Dabei kommt Edgar W. selbst immer wieder zu Wort, indem er die Ergebnisse dieser Nachforschungen aus seiner Sicht kommentiert. Das ergibt eine eigentümlich gebrochene Darstellungsweise. Verknüpft wird diese moderne Geschichte mit Abschnitten aus den »Leiden des jungen Werther«, die Edgar Wibeau zufällig in die Hand gekommen war, und die auf verfremdende Weise seine eigene Situation widerspiegeln. Das Buch, das in sich bereits stark szenisch angelegt ist, ist für die Bühne adaptiert und in Ost und West mit dem gleichen Erfolg aufgeführt worden.
Die Erzählungen Klaus Schlesingers (Jg. 1937) sind Alltagsgeschichten aus einer geteilten Stadt. Besonders der Band »Berliner Traum« (1977), der mehrere kurze Erzählungen vereint, vermittelt etwas von der traumatischen Erfahrung der Teilung für ihre Bewohner, die wie in »Ende der Jugend« auch die plötzliche Trennung von Freunden bedeutet.
Die Handlung der umfangreichen Erzählung »Alte Filme« (1975) ist ganz im Ostteil der Stadt angesiedelt. Dem jungen Kotte geht plötzlich auf, daß die entscheidenden Weichenstellungen in seinem Leben bereits erfolgt sind: er hat einen Beruf, er ist verheiratet und lebt mit seiner Familie in einer Teilwohnung ohne Aussicht auf baldige Veränderung. Diese Erkenntnis, daß eigentlich alles schon »gelaufen« ist, wirft ihn aus der Bahn. Für kurze Zeit lebt er mit jungen Leuten aus der alternativen Szene zusammen und lernt deren Lebensauffassung und Lebensstil kennen, kehrt aber schließlich, wenn auch mit neuen Einsichten, in sein kleinbürgerlichgeordnetes Leben zurück. Die Erzählung »Leben im Winter« (1980) ist nicht mehr in der DDR erschienen. 1979 wurde Klaus Schlesinger mit anderen Autoren wegen kritischer Äußerungen zur Kulturpolitik der DDR aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und siedelte nach Westberlin über. Gerade diese Erzählung spiegelt aber in besonderer Weise die deutsch-deutsche Situation wider. Aus Anlaß des 70. Geburtstages der Großmutter treffen Kinder und Enkelkinder, Freunde, Verwandte und Nachbarn aus Ost und West im Ostteil der Stadt zusammen. Klaus Schlesinger gelingt es, in der Darstellung die besondere Problematik der Deutschen in Ost und West zu erfassen. Besonders deutlich wird das an der unterschiedlichen Situation der jungen Leute: Im Westteil der Stadt dominiert die Sorge um die Lehrstelle, während dem im Ostteil wohnenden Jungen die Relegierung von der EOS wegen einer als provokativ abgestempelten Meinungsäußerung droht, bei der es dem Jungen nur um die durch eine parteiliche Geschichtsdarstellung verfälschte Wahrheit ging. Die Geburtstagsfeier endet fast als Tragödie mit dem Selbstmordversuch des Jungen.
Daß diese Erzählung nicht in der DDR erscheinen durfte, lag wohl ausschließlich an dieser kritischen Darstellung der schulischen Situation. Eine weitere Erzählung Klaus Schlesingers »Matualla und Busch«, (1985) die sich in der westlichen Gesellschaft unter Heimbewohnern und Hausbesetzern abspielt, konnte wiederum in der DDR erscheinen.
5. »Chronist ohne Botschaft«
Das ist der Titel eines Arbeitsbuches zum Werk Christoph Heins (Jg. 1944). Die Sätze des Gesprächs, aus denen diese Überschrift entnommen ist, lauten im Zusammenhang: »Ich will das Publikum nicht belehren und habe da auch wirklich keine Botschaft. Ich versuche einfach nur, wie ein Chronist die Sache mitzuteilen, natürlich meinem Verständnis gemäß.« Christoph Hein ist ein unbestechlicher Chronist seiner/unserer Zeit, und seine »Botschaft« ergibt sich aus seinen Texten. Sie ist nicht plakativ, aber sie ist vorhanden, auch wenn es – ähnlich wie bei den Texten Klaus Schlesingers – dem Leser überlassen bleibt, sie zu entschlüsseln.
Christoph Hein hat Erzählungen und Theaterstücke geschrieben. Eindrücklich hat er das Schicksal der Emigranten im dritten Reich in »Die Passage« und – kurz vor dem Ende der DDR – in »Die Ritter der Tafelrunde« das Bild einer vergreisten politischen Führung dargestellt. Auch Christoph Hein hat – wie Franz Fühmann und Christa Wolf – sein literarisches Schaffen essayistisch begleitet, und er hat sich – wie Christa Wolf – in der »Wende« politisch engagiert. Besondere Aufmerksamkeit haben seine drei Romane »Der fremde Freund« (1982) – in der BRD unter dem Titel »Drachenblut« erschienen –, »Horns Ende« (1987) und »Der Tangospieler« (1989) gefunden. (Die ersten beiden Romane sind ausführlich besprochen in »Die Christenlehre«, 41. Jg. 1988, H. 5, S. 153ff.)
In »Der fremde Freund« hat er sehr genau die Lebenssituation und die Probleme seiner eigenen Generation erfaßt. Der vorherrschende Eindruck, den das Buch hinterläßt, ist die Beziehungslosigkeit, in der die Menschen leben, und eine sich überall ausbreitende Langeweile, die man durch Alkohol zu betäuben sucht. Die Menschen scheinen alle auf irgend etwas zu warten. »Sie hoffen, daß etwas geschieht. Irgend etwas, vielleicht ihr Leben.« (S. 126)
Auch der bisher letzte Roman Christoph Heins »Der Tangospieler« zeigt die Sinn- und Beziehungslosigkeit, in der die Menschen leben, ihre – auch dem System geschuldete Unfähigkeit – ihr Leben selbst zu bestimmen. Beide Romane geben eine Zustandsschilderung der DDR in den 80er Jahren – auch wenn der letztgenannte sich auf dem politischen Hintergrund des Jahres 68 abspielt – und zeigen, daß vieles von dem, was uns am Verhalten der Menschen in der Gegenwart erschreckt und irritiert, im alten System bereits vorgebildet war.
Das für mich wichtigste und eindrücklichste Buch Christoph Heins ist sein zweiter Roman »Horns Ende«, vielleicht weil ich in ihm die Erfahrungen meiner eigenen Generation wiederfinde.
In »Horns Ende« spannt er einen weiten Bogen von der Zeit des Faschismus über die 50er Jahre bis in die Gegenwart. Besonders die 50er Jahre werden am Schicksal des Historikers Horn, der wegen Revisionismus und der Mißachtung des Prinzips der Parteilichkeit aus der Partei ausgeschlossen und seines Amtes an der Leipziger Universität enthoben wird, kritisch aufgearbeitet.
Die Ereignisse, die schließlich zum Tod Horns durch Selbstmord führen, werden nicht kontinuierlich erzählt, sondern aus der Sicht verschiedener Zeitzeugen, die mittelbar oder unmittelbar von Horns Tod betroffen sind, und sich aus unterschiedlicher zeitlicher Distanz an das Geschehen erinnern. Eindringlich wird die Frage nach der Wahrheit gestellt – vor allem in den imaginären Gesprächen zwischen dem Toten und einem heute etwa 40jährigen Mann, der zur Zeit der Ereignisse um Horn noch ein Kind war – und nach dem Sinn und der Notwendigkeit der Aufarbeitung vergangener Schuld und vergangenen Unrechts. Ist sie »notwendig« oder macht sie die Menschen nicht vielmehr unfähig, den Anforderungen der Gegenwart gerecht zu werden? Eine Frage, deren Brisanz gerade angesichts unserer gegenwärtigen Situation besonders deutlich wird.
6. Christa Wolf: »Störfall«[ ]
Am Anfang dieses Rückblicks auf die DDR-Literatur stand Christa Wolfs Erzählung »Was bleibt«. Abschließend möchte ich auf ihr 1987 erschienenes Buch »Störfall« eingehen, das sie vom Juni – September 1985 unter dem unmittelbaren Eindruck der Nachricht von dem Reaktorunglück in Tschernobyl geschrieben hat. Sie gibt ihm den Untertitel »Nachrichten eines Tages« und konzentriert die Darstellung – ähnlich wie in »Was bleibt« – auf diesen einen Tag im Frühjahr 1986, an dem die Nachricht sie auf dem kleinen Dorf in Mecklenburg erreicht. An diesem Tag muß ihr Bruder, der ihr sehr nahesteht, sich einer Gehirnoperation unterziehen. (Der Bruder war bereits im »Kindheitsmuster« Dialog- und Ansprechpartner der Autorin.) Ihre bohrenden Fragen zu dem Reaktorunglück, seinen Ursachen und Folgen, verbinden sich mit intensiven Gedanken an den Bruder, dem sie damit hilfreich nahe sein möchte. Die Telefongespräche, die sie an diesem Tag führt, und die erinnerten und imaginären Gespräche mit dem Bruder kreisen um die Fragen nach der Mitschuld und Mitverantwortung des einzelnen. Wieweit sind wir alle mitschuldig oder doch mitverantwortlich durch unseren Lebensstil, von dem wir nichts aufgeben wollen, durch unsere Wissenschafts- und Autoritätsgläubigkeit, durch Wegsehen und Verharmlosen – auch im gesellschaftlichen Bereich?
»Nicht zuviel – zuwenig haben wir gesagt, und das Wenige zu zaghaft und zu spät. Und warum? Aus banalen Gründen. Aus Unsicherheit. Aus Angst. Aus Mangel an Hoffnung. Und, so merkwürdig die Behauptung ist: auch aus Hoffnung. Trügerische Hoffnung, welche das gleiche Ergebnis zeitigt wie lähmende Verzweiflung.« (S. 68)
Eingebettet sind die Überlegungen und Gespräche in die Beschreibung der alltäglichen Verrichtungen, die auch an diesem Tag getan werden müssen. – Doch alles, was sie erlebt und beschreibt – auch die »makellose Schönheit« dieses Frühlingstages – steht unter dem Vorzeichen dieser schrecklichen Nachricht, nach der nichts mehr so sein wird, wie es einmal war – und nach der die Menschheit doch wieder zur Tagesordnung übergegangen zu sein scheint.
Deshalb erfüllt dieses in einer bestimmten Situation geschriebene Buch auch heute eine wichtige Funktion, indem es unser Erinnern wachhält.
7. Schlußbemerkung
Dieser persönliche Rückblick auf ein Stück Geschichte der DDR-Literatur von 1964–1989 bleibt notwendigerweise fragmentarisch. Es fehlen die Namen wichtiger Vertreter der DDR-Literatur – Heiner Müller und Volker Braun z.B. – zu deren Werken ich keine unmittelbare Beziehung gewonnen habe. Bis auf eine Ausnahme – »Adam und Eva« von Peter Hacks – habe ich mich bewußt auf die erzählende Literatur beschränkt und auch aus diesem umfangreichen Genre nur eine bestimmte subjektive Auswahl getroffen. Auch von den Autoren, auf die ich näher eingegangen bin, konnten nicht alle Werke erwähnt werden, bzw. es wurde jeweils nur ein Werk beispielhaft hervorgehoben. Die Schriftsteller in der DDR haben eine doppelte Funktion erfüllt: Zum einen ersetzten sie das Fehlen eines kritischen Journalismus, und zum anderen waren sie so etwas wie eine moralische Instanz. Das hat gelegentlich zu einer Verzerrung ästhetischer Maßstäbe geführt und hat die Position der Schriftsteller überhöht. Die erste Funktion ist hinfällig geworden. Die zweite wird z.Zt. kritisch angefragt, bzw. kategorisch abgelehnt.
Dabei wäre eine Wegweisung in der gegenwärtigen Situation mit ihrer Vielzahl unterschiedlicher Stimmen dringend nötig, ebenso eine kritische Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit, die bis auf wenige Ausnahmen bisher nicht erfolgt ist. Auf einige Erzählungen, die auf witzigpointierte, dabei hintergründige Weise die »Wende« in ihren Auswirkungen auf die betroffenen Menschen gestalten, möchte ich an dieser Stelle wenigstens hinweisen: Stefan Heym. »Auf Sand gebaut« (1990); Helga Königsdorf, »Gleich neben Afrika« (1992); Bernd Schirmer, »Schlehweins Giraffe« (1992). Hinzu kommen zahlreiche Essays von Stefan Heym, Günter de Bruyn, Christoph Hein, Werner Heiduczek u.a., die sich aus unterschiedlichen Aspekten mit dieser Thematik befassen. Für eine tieferlotende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist der zeitliche Abstand wohl noch zu gering.
Der Umbruch hat die Schriftsteller zudem in ihrer eigenen Rolle verunsichert. Zu dieser Verunsicherung trägt – so grotesk es für manche klingen mag – auch der Wegfall jeglicher Zensur bei. Wer ein Leben lang gegen äußere und innere Zensur »anschreiben« mußte, hat seine Schwierigkeiten, wenn diese Beschränkungen plötzlich wegfallen und alles sagbar wird. Oft war es in der Vergangenheit eine schwierige Gratwanderung zwischen dem, was man als Wahrheit erkannt hatte und dem Leser vermitteln wollte und den Auflagen der Zensurbehörde (s. Stefan Heyms »König-David-Bericht«). Das hat oft dazu geführt, daß man einen Satz oder Abschnitt gestrichen hat, um die Veröffentlichung des Ganzen nicht zu gefährden, oder daß man sich einer bestimmten Sprache bediente, die unverdächtig schien, vom Leser aber in der richtigen Weise verstanden wurde. Das hat zu einer verschworenen Gemeinschaft zwischen Autor und Leser geführt, einem Einverständnis, das heute nur noch schwer zu erreichen ist.
Alles in allem war diese Literatur für die Menschen in unserem Land, denen Literatur überhaupt etwas bedeutet hat, wichtig: Sie hat sie für bestimmte Probleme sensibilisiert, ihr Bewußtsein geschärft, ihr Widerstehen unterstützt, sie hat ihnen Mut gemacht, dieses Leben in seiner Ambivalenz zu bestehen.
Aber nicht nur als Zeitdokument sind viele dieser Bücher wichtig, in ihnen werden auch Probleme angesprochen, die ihre Aktualität mit dem Ende der DDR nicht verloren haben. Deshalb halte ich es für Unrecht, die Literatur der DDR in Bausch und Bogen zu verurteilen, und ich plädiere auch heute für eine engagierte Literatur, die sich einmischt, die Defizite benennt und die für Toleranz im Umgang miteinander eintritt.
