"Eine deutsche Weltmission gibt es nicht mehr" - Portrait des Münchner Philosophen Peter Sloterdijk
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Beitrag von Lutz Hagestedt
"Eine deutsche Weltmission gibt es nicht mehr“
Der Münchner Philosoph Peter Sloterdijk praktiziert in seinen Büchern gegenwartsnahes Denken
„Versprechen auf Deutsch“ – so hieß die bemerkenswerte Rede, die Peter Sloterdijk in einer Matinee der Münchner Kammerspiele „über das eigene Land“ gehalten hat und die jetzt in erweiterter Fassung als Suhrkamp-Taschenbuch nachzulesen ist. Lutz Hagestedt portraitiert den in München lebenden Philosophen und Schriftsteller.
Mit einem Paukenschlag betrat der Privatgelehrte Peter Sloterdijk 1983 die Bühne, als er seine zweibändige „Kritik der zynischen Vernunft“ (Suhrkamp Verlag) vorlegte. Ein gewichtiges Werk, tausend Seiten schwer, lag da plötzlich und unerwartet auf den Tischen der Rezensenten und Leser – der große Wurf hatte Staub aufgewirbelt und frischen Wind in die Studierzimmer gebracht. Sloterdijks Buch, geschrieben unter dem Damoklesschwert einer fatalen Rüstungsspirale, übt „fröhliche Kritik“ am zynischen Umgang mit der „Macht“ und dem „Wissen“. Man erinnert sich: Mit einer selten dreisten Haltung hatten Militärs der Supermächte in den sechziger und siebziger Jahren die Doktrin ausgegeben, durch Atomrüstung den Frieden zu bewahren und so einen kalt lächelnden „Militärzynismus“ im auch so vernunftregierten Abendland etabliert. Sloterdijks Zeitkritik bezog sich jedoch – darüber hinaus – auf den Zynismus als einer universalen Kategorie: „Die Zeit ist zynisch an allen Enden.“
Mittlerweile muß der Begriff der „zynischen Vernunft“ zu den Leitwörtern der achtziger Jahre gerechnet werden, obgleich er sich nicht ganz so leicht in die intellektuellen Spiegelfechtereien des Zeitgeistes einpassen will wie zum Beispiel die neudeutschen Wörter „Postmoderne“ und „Joint venture“.
Rein rechnerisch zählt Peter Sloterdijk (Jahrgang 1947) zur Nachkriegsgeneration, auch „vaterlose Generation“ genannt, doch vom Gefühl her darf er sich ebenso der Weltkriegsgeneration zuschlagen, weil er deren „gnostischen Schock“ noch gespürt zu haben meint: „ Eine Restluft vom Tausendjährigen Reich hing in den deutschen Lungen von damals; noch gab es eine tonale Tradition des Hitlerstaates, es herrschte eine Wohnzimmertemperatur, in der viel von dem aufbewahrt blieb, was seit dem rauschhaften August 1914, dem hysterischen Januar 1933 und dem fatalistischen September 1939 in deutschen Familien erlebt und gesprochen worden war. In diesem prekären Sinn fühle ich mich so sehr als Kriegskind wie als Nachkriegskind.“
Wer in so apokalyptischen Zeiten aufgewachsen ist wie Peter Sloterdijk und seine Generation, der hat vielleicht nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten, das Überleben zu sichern, nämlich entweder die Augen vor allem Häßlichen zu verschließen, oder, im Gegenteil, genau hinzusehen und ein Gespür für alles Gefährliche und Gefährdende zu entwickeln, um – quasi als Seismograph – das Auseinanderbrechen der Welt vorzeitig anzukündigen. Peter Sloterdijk muß sich frühzeitig entschlossen haben, die Augen offen und den Verstand wach zu halten:
„Auf dem Grund meiner Antriebe finde ich eine kindliche Verehrung für das, was in einem griechischen Sinn Philosophie hieß – woran im übrigen eine familiäre Überlieferung der Ehrfurcht mit schuld ist. Oft gab meine Großmutter, eine Lehrerstochter aus idealistischem Haus, stolz und respektvoll zum besten, daß Kant es war, der die Kritik der reinen Vernunft geschrieben hat, und Schopenhauer Die Welt als Wille und Vorstellung, Und vielleicht gäbe es in der Welt noch mehr solcher magischer Bücher, die man nicht lesen kann, weil sie zu schwer sind, die man aber von außen doch bewundern muß wie etwas vom ganz Großen.“
Der deutsche Philosoph mit holländischen Vorfahren und Bhagwan-Vergangenheit hat nach der Beendigung seines Studiums der Philosophie und Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München offenbar keine Universitätskarriere angestrebt. Die Philosophie, die ihm Lebensphilosophie bedeutet, kann im trostlosen Verwaltungsmoloch der Institute und Seminare auch nur ein Schattendasein fristen. Mit seiner „Kritik der zynischen Vernunft“ hat Sloterdijk die beamtete, institutionalisierte Philosophie überholt und ihr den Königsweg zu einer „nachkritischen“ Aufklärungsarbeit gewiesen.
Seitdem war er unermüdlich am Werk, vor der zugleich verlockenden und bedrohenden „Politik der Erlkönige“ zu warnen. „Politik der Erlkönige“ – das deutete auf Goethes berühmte Ballade der falschen Verheißungen (1782), im übertragenen Sinne dann auf die maßlosen Macht(erhaltungs)-strategien politischer Systeme, die allen alles versprechen, um dann alle in die Zwingburg der Folgelasten zu sperren. Die Versprechen der Nationalsozialisten haben nichts als einen großen Berg von Schuld hinterlassen, an dem noch viele Generationen abzutragen haben, und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben wir zwar eine zuvor nie gekannte politische Kultur und dito Wohlstand erreicht, aber künftigen Generationen eine ökologische Erblast hinterlassen, die ihresgleichen sucht: unsere Verfügbarkeit konnte auch tödlichen Verlockungen nicht widerstehen.
Vor diesem Hintergrund muß man Sloterdijk lesen und verstehen, wenn er seinen schlimm erhobenen Mittelfinger in die offenen Wunden legt und mit „analytischer Grausamkeit“ oder „komödiantischer Gebärde“ auf die Bühne tritt: als ein Kabarettist, der seine letzte Vorstellung und seine letzte Aufgabe, nämlich die Apokalypse anzuzeigen und zu kommentieren, mit zur Schau gestellter Lustigkeit und gequälter Humorlosigkeit hinter sich bringt, in der trügerischen Hoffnung, sich dem allgemeinen Sog der Katastrophen noch einmal entziehen zu können.
Peter Sloterdijk gehört zu den fleißigsten politisch-philosophischen Köpfen der Gegenwart, es vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht ein neues Buch von ihm erschiene. 1985, zwei Jahre nach der „Kritik der zynischen Vernunft“, hat er einen Romanessay über die Vorgeschichte der Entstehung der Psychoanalyse vorgelegt („Der Zauberbaum“), daran schlössen sich in dichter Folge sein Nietzsche-Buch („Der Denker auf der Bühne“, 1986), die „Kopernikanische Mobilmachung“ (1987), die Frankfurter-Poetikvorlesungen („Zur Welt kommen – Zur Sache kommen“, 1988) und schließlich die Essaysammlung „Eurotaoismus“ (1989) an.
In seiner Dissertation (1987 unter dem Titel „Literatur und Lebenserfahrung“) hatte sich Sloterdijk mit deutschen Lebensgeschichten beschäftigt und den Zusammenhängen zwischen individuellen Werkstrukturen und historischen Ereignissen im Œuvre von Klaus Mann, Ernst Toller, Oskar Maria Graf, Jakob Wassermann und anderen nachgespürt. Anhand von privaten und nichtprivaten Dokumenten des Jahrhunderts hatte er versucht, „die persönliche Stunde Null mit den Nationaltexten, den Welttexten (...) zu verknüpfen“. Ein Großteil der Privatgeschichten in einigen „Schlüsselgehirnen dieses Jahrhunderts“ ist ihm wie ein „monströser Briefroman“, ein „wahrheits- und lügenträchtiger Nationalbriefroman“ vorgekommen, den nur eine „Clique von Hochstaplern“ verfaßt haben konnte. So viele Lebenslügen und so viel beredtes Schweigen und die „Kunst, es nicht gewesen zu sein“ – da konnte nur eine „ Mitwisserschaft vom Schlimmsten“ vermutet werden.
Peter Sloterdijk sieht sich als Antipoden jenes kompromittierten Clans der 1933 bis 1945 ideologisch und handgreiflich schuldig Gewordenen, der nach dem Zusammenbruch „ Schweigebefehle“ (Begriff und Realisation stammen von Carl Schmitt, dem Kronjuristen des Dritten Reichs) ausgegeben hatte, um nicht das „Opfer einer alliierten Vernichtungsjustiz“ zu werden.
Die „moralische Urszene“ der Nachkriegszeit kann – laut Sloterdijk – denn auch nicht bei den im Lande verbliebenen Autoren gefunden werden, sondern bei dem Exilanten Peter Weiss, der 1947 von der Schuld der Vätergeneration an der „Zumutung des Lebens“ gesprochen hatte, „von der Welt als Zumutung an die Nachgeborenen“: „Das ist es, was ich bald nicht mehr ertragen kann: daß du all dies wie eine Selbstverständlichkeit hinnimmst, daß du nichts anderes erwartest, daß du glaubst, all das ist, wie es sein soll, daß alles in Ordnung ist... Es ist unerträglich: daß ich es bin, der dir diese Welt beschert hat, daß ich es bin, der dir dies entstellte Leben beschert hat.“ (Peter Weiss, „Die Besiegten“).
In dieser Szene, in der sich die Vätergeneration für ihr negatives Vermächtnis entschuldigt, sieht Sloterdijk den Anfang vom Ende der deutschen Nachkriegszeit und den Beginn einer moralischen Erneuerung. Die deutsche Sprache, des Lügens und Schwärmens müde geworden, hatte unter dem Eindruck der Selbsterkenntnis deutscher Sprecher wieder zu gemäßigteren Registern gefunden, und nationale Fantasien, so schien es, waren für alle Zeiten verworfen:
„Denn wir wissen nichts so genau wie dies, daß es keine deutsche Weltmission mehr gibt“ beziehungsweise geben wird. So deutet Sloterdijk die deutsch-deutsche Begegnung am 9. November im geteilten Berlin auch nicht als nationale, sondern als übernationale Szene: „Die mit einemmal kaum noch geteilte Stadt war ein anthropologisches Labor, wo unter realen Bedingungen getestet wurde, wie weit die Begrüßung des Menschen durch den Menschen gehen kann.“
Um den Anachronismus der „nationalen Totenchöre“ in ein Bild zu fassen, hat Peter Sloterdijk die uns täglich vertrauter werdende „Satellitenoptik“ in ihren Folgen dargestellt, denn via Satellit gewinnt die Menschheit einen neuartigen „Höhenblick“, der Landesgrenzen „übersieht“ und „Deutschland“ als Kategorie nicht erkennen kann: „Alles, was sich mit weniger als der Erde insgesamt identifiziert, wird durch diese Großräumigkeit der Sicht deklassiert.“ Via Satellit gewinnt der Mensch eine „neue Form von Selbstbeobachtung, Selbsterfassung und schließlich auch Selbstreflexion“, und unter diesem Gesichtspunkt erscheint es absurd, das eigene Land gegen Übersiedler und Einwanderer abschotten zu wollen.
In all seinen Büchern praktiziert Peter Sloterdijk gegenwartsnahes Denken, und das gilt in besonderem Maße für seine Rede über Deutschland. Es geht ihm darum, „zu begreifen, was den aktuellen Weltlauf auf seinen Kurs treibt“ („Eurotaoismus“), eine Formulierung, die – vielleicht mit einem Lot Selbstironie – an den faustischen Erkenntnisdrang („Daß ich erkenne was die Welt / Im Innersten zusammenhält“) anknüpft.
erschienen in: Bayerland. Nr. 5, Mai 1990. S. 40–42.
